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March 13, 2009

Winnenden: Der Tag nach dem Amoklauf

Winnenden: Der Tag nach dem Amoklauf – Wikinews, die freie Nachrichtenquelle

Winnenden: Der Tag nach dem Amoklauf

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Veröffentlicht: 15:01, 13. Mär. 2009 (CET)
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Winnenden / Wendlingen am Neckar / Stuttgart / Berlin (Deutschland), 13.03.2009 – Am vergangenen Mittwoch lief ein 17-jähriger Auszubildender in Baden-Württemberg Amok und tötete 15 Menschen. Am Ende richtete er sich selbst.

Der Ablauf

Am Tag nach dem Amoklauf werden immer mehr Details über den Hergang und die Hintergründe der Tat des 17-Jährigen bekannt. Der Auszubildende entwendete im Elternhaus in Leutenbach eine Waffe seines Vaters, eine Neun-Millimeter-Beretta, und eine größere Menge Munition. Der Vater ist Mitglied in einem Schützenverein und hatte 14 Waffen in einem Waffenschrank und eine weitere im Schlafzimmer deponiert. Letztere war die entwendete Beretta.

Das erste Ziel des jugendlichen Täters war seine ehemalige Realschule in Winnenden. Hier ging er in zwei Klassenräume und schoss auf mehrere Schüler und Lehrer. Außerdem ging er in den Physikraum, wo er eine Lehrerin hinter dem Experimentiertisch niederstreckte. Am Ende fand die Polizei sieben tote Schüler und eine tote Lehrerin in den Räumen. Einige der Opfer hatten noch ihre Schreibutensilien in der Hand. Zwei weitere Schülerinnen erlagen ihren Verletzungen auf dem Weg ins Krankenhaus. Besonders fällt auf, dass der Täter zielgerichtet vor allem Mädchen tötete.

Bereits 09:33 Uhr erreichte der erste Notruf die Polizei, und drei Minuten später trafen die ersten Beamten in der Schule ein. Dieses schnelle Handeln hat vermutlich noch mehr Tötungen verhindert. Als die Polizei eintraf, flüchtete der Täter. Er schoss dabei sowohl auf die Beamten als auch auf weitere Personen, wobei er zwei weitere Lehrerinnen tötete.

Nachdem der Täter das Schulgebäude verlassen hatte, flüchtete er über das Gelände der angrenzenden psychiatrischen Klinik. Hier erschoss er einen Mitarbeiter des Klinikums. Seine Flucht führte ihn weiter in Richtung Innenstadt von Winnenden, wobei er einen weiteren Passanten verletzte. Hier entführte er einen 41-jährigen Autofahrer in seinem VW Sharan. Im folgenden führte die Flucht in dem Auto über die Bundesautobahn 81 sowie Bundesstraßen über Tübingen und Nürtingen. Der Täter redete auf der Autobahn mit dem Entführungsopfer und fragte ihn, ob er die Menschen in den umliegenden Autos erschießen solle. Am Autobahnkreuz Wendlingen, wo ein Kontrollpunkt der Polizei eingerichtet war, vollführte der entführte Autofahrer ein Bremsmanöver, in dessen Folge das Auto im Grünstreifen zum Stehen kam. Diesen Moment nutzte das Entführungsopfer zur Flucht.

Der Täter flüchtete daraufhin in das nahegelegene Wendlinger Industriegebiet Wert. Hier erschoss er gegen 12:30 Uhr einen Mitarbeiter und dessen Kunden in einem Autohaus. Die Polizei stellte den 17-Jährigen am Autohaus und lieferte sich mit ihm einen Schusswechsel. Bei diesem Schusswechsel wurden zwei Polizeibeamte schwer verletzt, außerdem wurde der Täter durch Polizisten zweimal im Bein getroffen. Daraufhin richtete dieser seine Waffe gegen sich selbst und tötete sich durch einen Kopfschuss. Der Täter schoss nicht nur auf die Polizisten, sondern auch auf Mitarbeiter benachbarter Gebäude.

Die beiden schwerverletzten Polizisten sind heute stabilisiert, aber weiterhin auf der Intensivstation. Drei Schüler befinden sich noch in umliegenden Krankenhäusern, aber außer Lebensgefahr.

Der Rektor der Schule versuchte, durch die verschlüsselte Durchsage „Frau Koma kommt“ seine Mitarbeiter zu warnen. Die Schüler wurden daraufhin aufgefordert, die Fenster und Türen zu schließen und sich auf den Boden in ihren Klassenzimmern zu setzen. Später evakuierte die Polizei das Schulzentrum, in dem sich die Albertville-Realschule und ein Gymnasium mit zusammengenommen zirka 1.000 Schülern befinden.

Ein Team aus Seelsorgern, Psychologen und Ärzten der Polizei und des Deutschen Roten Kreuzes kümmerten sich später um die Schüler und Lehrer. Die psychologische Betreuung wurde am heutigen Donnerstag durch 50 Schulpsychologen fortgesetzt. Unterstützt wird das Team dabei durch Jugend- und Schulpsychologen aus angrenzenden Bundesländern.

Der Schulbetrieb in der betroffenen Realschule ist derzeit eingestellt. Zum Einen wegen der psychologischen Belastung, zum Anderen, weil die Polizei die Spurensicherung noch nicht abgeschlossen hat.

Auch die betroffenen Polizeibeamten werden psychologisch betreut. Die Streifenpolizisten in Baden-Württemberg sind geschult worden im Umgang mit Amokläufern.

Durch Anrufe besorgter Eltern, Angehöriger, Schüler und Lehrer wurde das Mobiltelefonnetz in Winnenden überlastet.

Die Polizei war mit zirka 1.000 Einsatzkräften, sowie Hubschraubern und Spürhunden im Einsatz. Sie sperrten sowohl das Schulgelände als auch teilweise die Innenstadt von Winnenden weiträumig ab. Zudem wurden Kontrollpunkte auf umliegenden Straßen eingerichtet.

Am Abend fand um 20:00 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst in der Winnendener katholischen Kirche St. Karl Borromäus statt. Ein weiterer Gottesdienst ist für heute um 19:00 Uhr in der Winnendener Schlosskirche geplant.

Die Eltern des Täters wurden vernommen. Derzeit befinden sie sich nicht zu Hause, sondern an einem anderen geheimgehaltenen Ort. Sie befinden sich nicht unter Polizeischutz.

Horst Köhler

Günther Oettinger

Volker Kauder

Stellungnahmen

Viele Politiker zeigten ihre große Betroffenheit von der Tat. Darunter der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger, der vor Ort sagte: „Betroffen ist ganz Baden-Württemberg. Die Schule, einen Ort der Zukunft, der Bildung und Erziehung so zu stören und zu zerstören, ist besonders gemein.“ Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte sie sei, „[…] entsetzt, bestürzt und fassungslos über das, was […] an der Albertville-Schule in Winnenden geschehen ist“. Bundespräsident Horst Köhler teilte mit, er und seine Frau seien in Gedanken bei den Opfern und deren Familien und Freunden. „Wir fühlen uns mit ihnen in diesen schweren Stunden tief verbunden.“

Die Bundesregierung ordnete für den heutigen Donnerstag Trauerbeflaggung an allen Gebäuden des Bundes an. Dasselbe wurde auch von Bayern und Baden-Württemberg für deren Landesbehörden angeordnet.

Die Polizei vermutet, dass das schnelle Eintreffen der Polizei Schlimmeres verhindert hat. Ralf Michelfelder von der Polizei Waiblingen berichtete, dass sich auf dem „Fluchtweg unzählige unabgefeuerte Patronen“ befanden, und gerade diese Anzahl lässt vermuten, dass der Täter noch mehr in der Schule vorhatte. Der Innenminister von Baden-Württemberg Heribert Rech teilte heute mit, dass insgesamt 112 Schüsse durch den Täter abgegeben wurden. Er besaß am Ende noch Munition für weitere 109 Schuss.

Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sagte, „dass wir erkennen müssen, dass es letzte Sicherheit nicht gibt; dass man nicht alles einfach abwenden kann“. Er sieht kaum Möglichkeiten, solche Amokläufe durch Gesetzesverschärfungen zu verhindern oder vorzubeugen.

Der Täter

Der Täter war ein 17-jähriger Auszubildender aus dem Nachbarort Leutenbach. An der Albertville-Realschule absolvierte der Teenager im Vorjahr seine Mittlere Reife. In Waiblingen hat er nach dem Abschluss eine berufsvorbereitende Schule besucht. Sein Vater besitzt mehrere Waffen.

Als Schüler fiel der 17-Jährige in seiner Schulzeit nicht auf. Er wird als introvertiert beschrieben. Sein Auftreten soll freundlich gewesen sein. Der Täter trieb Sport, unter anderem betrieb er Kraftsport und spielte Tischtennis.

Der Täter nahm außerdem in den Räumen des Schützenvereins seines Vaters Schießübungen vor, war aber nicht Mitglied im Verein.

Im Internet wird auch berichtet, dass der Täter wahrscheinlich unter Mobbing gelitten habe. Dieser Umstand wurde jedoch noch nicht von offizieller Seite bestätigt. Auch sonst ist noch kein Motiv ersichtlich. Fakt ist nur, dass der 17-Jährige in der Schule vor allem Frauen und Mädchen als Opfer wählte und diese größtenteils mit gezielten Kopfschüssen tötete.

Die Polizei wertete die Daten auf dem Computer des Täters aus und fand unter anderem den Ego-Shooter Counter-Strike dort installiert. Auch pornografisches Material wurde gefunden, jedoch sei dies weder in der Menge noch anderweitig aus dem Rahmen gefallen. Daneben fand man auch schriftliche Aufzeichnungen mit Titeln, wie zum Beispiel „Tot aus Spaß“.

Des Weiteren sind bei der Hausdurchsuchung Horror- und Gewaltfilme gefunden worden, aber nicht in großer Menge. Laut Aussage der Eltern schaute der Jugendliche auch gerne Unterhaltungsfilme.

Laut Innenminister Heribert Rech hatte der Täter in der Nacht zuvor die Tat in einem Chat-Raum (IRC) angekündigt, jedoch auch geschrieben, es sei nur ein Scherz. Diese Information stellte sich später jedoch als falsch heraus, die angebliche Ankündigung wurde erst im Nachhinein erfunden und entsprechende Screenshots des Imageboards gefälscht. Auch wurde auf der heutigen Pressekonferenz bekannt, dass der Jugendliche bereits wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung war, diese auch in Winnenden in der bereits genannten Klinik für Psychiatrie und Neurologie, auf deren Gelände ein Handwerker erschossen wurde, fortsetzen sollte, es aber nicht tat.

Polizeilich war der Täter früher noch nicht in Erscheinung getreten.

Ein Bekennerbrief oder -video wurde noch nicht gefunden. Dennoch vermutet die Polizei, dass der Amoklauf nicht spontan, sondern geplant war.

Twitter

Neben den klassischen Medien wie Fernsehen, Radio und Nachrichtenportalen im Internet „berichtete“ auch das Portal Twitter über das Ereignis.

In Twitter haben Nutzer die Möglichkeit, Kurznachrichten via Internet, aber auch via SMS vom Handy aus ins Netz zu stellen. Die erste Nachricht über den Amoklauf ging gut eine Stunde nach dessen Beginn, etwa gegen 10:30 Uhr, ein. Daraufhin meldeten sich viele Nutzer und trugen Informationen aus Nachrichtenportalen sowie Nachrichtensendungen zusammen. Zum Teil meldeten sich auch Ortsansässige oder Mitglieder aus dem Ausland, die ihr Beileid bekundeten.

Twitter stellte eine solche Fülle an Informationen – teils sehr schnell – zur Verfügung, dass sich etablierte Nachrichtensender auf Twitter bezogen und auch über Twitter in Bezug auf den Amoklauf berichteten. Im Gegensatz zu vielen Nachrichtensendern sind die Informationen bei Twitter jedoch oft nicht nachgeprüft und werden nicht gefiltert. So waren auch Fotos und Videos des Täters sowie oftmals dessen voller Name in Twitter aufgetaucht. Kritisiert wurde zudem, dass Twitter keine Primärquelle darstellte, sondern eher durch Zahlenjonglieren und die Vielzahl an Informationen für Verwirrung sorgte.

Weblinks

Wikipedia-logo-v2.svg In Wikipedia gibt es den weiterführenden Artikel „den Amoklauf in Winnenden“.

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Quellen

Originäre Berichterstattung
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February 7, 2008

Baden-Württemberg: Schüler sollen keine Hausaufgaben mehr bekommen

Baden-Württemberg: Schüler sollen keine Hausaufgaben mehr bekommen

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Veröffentlicht: 13:59, 7. Feb. 2008 (CET)
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Stuttgart (Deutschland), 07.02.2008 – Zuletzt war das Turboabi auf immer größere Kritik gestoßen. Die Schüler klagten über zuviel Stress und zu wenig Freizeit.

Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hat nun angekündigt, das achtjährige Gymnasium zu reformieren. So sollen Gymnasiasten keine Hausaufgaben mehr bekommen, sondern diese in der Schule erledigen. Um die Zeit dafür zu gewinnen, will Oettinger die Naturwissenschaften straffen. „Nicht jede Formel aus Physik, Biologie und Chemie ist für das Erwachsenenleben notwendig.“ Jeder Schüler soll um 16 Uhr in die Freizeit entlassen werden. Politiker von SPD und Grünen kritisierten Oettingers Vorschlag.

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August 11, 2007

Müntefering: Änderung des Hartz-IV-Satzes nur bei Mindestlohneinführung

Müntefering: Änderung des Hartz-IV-Satzes nur bei Mindestlohneinführung

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Veröffentlicht: 22:32, 11. Aug. 2007 (CEST)
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Berlin (Deutschland), 11.08.2007 – Franz Müntefering (SPD) hält bei Einführung eines Mindestlohnes die Änderung der Anpassungsregelung des „ALG-II“-Satzes an die Preissteigerungen für denkbar. Bis Ende November soll geprüft werden, wie sich die aktuellen Preissteigerungen auf „ALG-II“-Empfänger auswirken und welche Folgen eine Anpassung an die Inflationsrate hätte. Aus den Reihen des Koalitionspartners CDU waren zunehmend Forderungen nach einer Änderung des Satzes laut geworden, auf die Müntefering nun reagiert. Laut dem Minister würden durch die Mindestlohneinführung die Kosten für den Staat sinken, weil Aufstockungsaufwendungen für Ergänzungszahlungen an Niedriglohnempfänger zurückgingen. Ohne Ausgleich durch den Mindestlohneinfluss würden die Ausgaben für ALG II für den Bund zu hoch werden. Trotz guter Konjunktur seien im Jahr 2005 die Sozialausgaben um fünf Prozent gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Aktuell werden die Sätze alle fünf Jahre anhand einer Verbrauchsstatistik für Privathaushalte, der Einkommens-Verbraucher-Statistik (EVS), überprüft. In der Zwischenzeit werden sie den Rentenanpassungen entsprechend geändert.

Unionspolitiker weisen Münteferings Forderung zurück. Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus äußerte in der Leipziger Volkzeitung, dass die beiden Fragen nichts miteinander zu tun hätten. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sieht bei Einführung des Mindestlohns eher ein Anwachsen der Arbeitslosenzahlen. Gegen eine Überprüfung des Satzes jedoch habe er nichts. Bei Vorliegen von Erkenntnissen, die eine Erhöhung nahelegten, solle gehandelt werden. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger sieht keine Notwendigkeit, das ALG II zu überprüfen. Er will erst 2008 beim Vorliegen entsprechender Erfahrungsberichte die Situation analysieren. Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe, Max Straubinger, sieht ebenfalls keinen Grund, jetzt tätig zu werden.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach forderte ein sofortiges Handeln. Eine Anpassung der Hartz-IV-Regelsätze müsse sofort erfolgen, und zwar mindestens in Höhe der inflationsbedingten Verteuerung. Der Wirtschaftsweise Bert Rürup lehnt eine Anpassung der „ALG-II“-Sätze an die Inflationsrate ab, weil sonst der Satz stärker steige als Renten, Löhne und BAFöG.

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April 16, 2007

Oettinger nimmt Kernaussagen seiner Gedenkrede für Filbinger zurück

Oettinger nimmt Kernaussagen seiner Gedenkrede für Filbinger zurück

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Artikelstatus: Fertig 22:59, 16. Apr. 2007 (CEST)
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Berlin (Deutschland), 16.04.2007 – Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) rückte heute von zentralen Aussagen seiner Gedenkrede wieder ab, die er anlässlich des Todes des ehemaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger am 11. April gehalten hatte. Insbesondere distanzierte er sich von seiner Behauptung, die den stärksten Widerspruch hervorgerufen hatte, Filbinger sei ein „Gegner des Nationalsozialismus“ gewesen. Oettinger äußerte sich am Rande einer CDU-Präsidiumssitzung, die heute in Berlin stattfand. Er hatte eine geplante Reise nach Rom aus Anlass der Geburtstagsfeier des Papstes abgesagt, um an der Präsidiumssitzung seiner Partei teilnehmen zu können.

Eine am Sonntag geäußerte Entschuldigung Oettingers hatte die Kritik an den Oettinger-Äußerungen zunächst nicht verstummen lassen. Oettinger hatte in einem Interview mit dem Südwestrundfunk gesagt: „Es war nie meine Absicht, die Verfolgten und Opfer verletzen. Sollte das geschehen sein, tut es mir leid. Und dafür entschuldige ich mich auch.“ Noch am 12. April hatte Oettinger gegenüber einem Mannheimer Privatsender eine Entschuldigung abgelehnt: „Ich habe aber jetzt nicht die Absicht, einen Tag nach der Trauerfeier diese Kampagne von Rot und Grün aufzugreifen, sondern die Würde des Toten zu wahren.“

In der Präsidiumssitzung wiederholte er sein Statement, das einen Rückzug von seinen vorher vertretenen Positionen darstellt. Von Sitzungsteilnehmern hieß es später, Oettingers Stellungnahme vor dem Präsidium „sei die Erwartungshaltung der Teilnehmer gewesen“. Andernfalls hätte „ihm sicher Wind ins Gesicht geblasen“. Die Parteivorsitzende Angela Merkel drückte ihre Zufriedenheit über den Rückzug ihres Parteifreundes aus. Dieser habe einen „wichtigen, notwendigen Schritt“ getan. Bereits am Karfreitag (Wikinews berichtete) hatte Merkel deutliche Worte zu den Einlassungen Oettingers bei der Trauerrede gefunden. Beobachter werteten den Ausgang der Ereignisse der letzten Tage um die Trauerrede Oettingers als einen innerparteilichen Erfolg für die Parteivorsitzende, die einen amtierenden Ministerpräsidenten ihrer eigenen Partei noch nie so deutlich in die Schranken gewiesen hatte. Andere CDU-Ministerpräsidenten, die heute ebenfalls zur Präsidiumssitzung ihrer Partei angereist waren, äußerten sich nur vage oder gar nicht zu dem Vorgang, wie der „Spiegel“ beobachtete.

Die Entschuldigung Oettingers nahm der Zentralrat der Juden in Deutschland als positives Zeichen auf, erneuerte jedoch seine Kritik. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, sagte: „Die Entschuldigung ist natürlich nur ein erster Schritt“ und fügte hinzu, durch die Äußerungen Oettingers sei ein solcher Flurschaden entstanden, dass es mit einer einfachen Entschuldigung nicht getan sei. Die „Vereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz“ kündigte unterdessen eine Strafanzeige gegen Oettinger an. Aus einem Vorabdruck der Anzeige zitiert das Handelsblatt heute: „Für die wenigen Überlebenden der Wehrmachtsjustiz sowie die über 20.000 Hingerichteten und ihre Angehörigen ist diese [Oettingers] Äußerung eine schamlose Verhöhnung.“

Der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, schloss sich heute der Kritik an Oettinger an: „Ich halte seine Äußerungen für historisch nicht gedeckt und mache mir die Äußerungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu eigen: Entscheidend sind Demut gegenüber den Opfern und Respekt vor den Hinterbliebenen.“

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April 13, 2007

Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger wegen Filbinger-Trauerrede in der Kritik

Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger wegen Filbinger-Trauerrede in der Kritik

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Artikelstatus: Fertig 23:54, 13. Apr. 2007 (CEST)
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Guenther Oettinger

Berlin (Deutschland), 13.04.2007 – Die anlässlich des Staatsaktes am 11. April für den verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Hans Filbinger (CDU), gehaltene Rede des amtierenden Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU) sorgt weiterhin für Aufregung. Oettinger hatte den wegen seiner NS-Vergangenheit umstrittenen Filbinger als „NS-Gegner“ bezeichnet. Heute distanzierte sich die CDU-Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel ebenfalls von ihrem Parteifreund.

Hans Filbinger hatte während seiner Tätigkeit als Marinerichter in der NS-Zeit an Todesurteilen mitgewirkt. Wegen der Vorwürfe im Zusammenhang mit den Vorgängen in dieser Zeit musste Filbinger schließlich am 7. August 1978 vom Amt des Ministerpräsidenten zurücktreten. Innerhalb der CDU Baden-Württembergs spielte Filbinger jedoch weiterhin eine Rolle als Ehrenvorsitzender.

In seiner Trauerrede am Sarg seines Vorgängers im Freiburger Münster hatte Oettinger die Kritik an Filbinger, die schließlich zu seinem Rücktritt geführt hatte, sogar ausdrücklich zurückgewiesen: „Im Gegenteil: Er war ein Gegner des NS-Regimes. Allerdings konnte er sich den Zwängen des Regimes ebenso wenig entziehen wie Millionen andere. Es bleibt festzuhalten: Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte.“

Diese Äußerungen Oettingers wurden von vielen Politikern sowie vom Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, zurückgewiesen. Kramer kritisierte vor allem „die Geisteshaltung“ des ehemaligen Marinerichters. Er bezog sich dabei auf eine Filbinger zugesprochene Aussage. Danach soll Filbinger gesagt haben, was in der Nazizeit Recht gewesen sei, müsse weiterhin Recht bleiben. Die Rede Oettingers kritisierte er mit den Worten: „Die Sache wäre längst erledigt, wenn Ministerpräsident Oettinger nicht versucht hätte, das Ganze zu bemänteln und schön zu reden.“ Mehrfach wurde Oettinger Geschichtsklitterung vorgeworfen. So vom SPD-Spitzenkandidaten für die Hamburger Bürgerschaftswahl, Michael Naumann: Die Behauptung Oettingers, durch Filbinger sei kein Mensch ums Leben gekommen, bezeichnete er als „brachiale historische Unwahrheit“. Und fügte hinzu: „Das hätte Herr Oettinger den Angehörigen des deutschen Soldaten in Norwegen erzählen sollen, der wenige Tage vor Ende des Krieges hingerichtet worden ist.“ Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Deutschen Bundestag, ging in ihrer Kritik noch einen Schritt weiter: Die Teilnahme des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble an der Trauerfeier für Filbinger sei „völlig unangebracht“. Und: „Dass einer wie Filbinger in der Bundesrepublik derart hohe Ämter besetzen konnte, ist ein Schandfleck für dieses Land.“ Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) fordert ebenfalls eine Entschuldigung. „Es würde politisch-moralische Größe zeigen, wenn Oettinger einen Satz der Entschuldigung formulieren würde“, sagte er.

Hans Filbinger

Parteifreunde Oettingers in der baden-württembergischen CDU signalisierten Unterstützung für Oettinger. Der Generalsekretär der CDU Baden-Württemberg, Thomas Strobl, sagte, Oettingers Äußerungen „waren dem Anlass angemessen und sind weder inhaltlich noch formal in irgendeiner Weise zu kritisieren“. Unterstützung kam auch vom Vorsitzenden der CDU-Landesgruppe im Bundestag, Georg Brunnhuber, der vom „Handelsblatt“ mit den Worten zitiert wird: „Jedes Wort war richtig, da kann man nur fünf Ausrufezeichen dahinter machen.“

Oettinger selbst sah gestern keinen Anlass zu einer Korrektur seiner Darstellung: „Meine Rede war öffentlich, ernst gemeint und die bleibt so stehen“, so Oettinger am Donnerstag in einem Interview mit dem Privatsender „Radio Regenbogen“.

Der zunehmenden Kritik an der Trauerrede Oettingers schloss sich heute die CDU-Parteivorsitzende Merkel an. In einem Telefonat mit Oettinger am Freitag habe sie nach eigenen Worten gesagt, dass sie einen Hinweis auf die kritischen Fragen im Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus für angemessen gehalten hätte.

Vereinzelt wurden bereits Rücktrittsforderungen an die Adresse des baden-württembergischen Ministerpräsidenten laut. Entsprechend äußerten sich der Publizist und Überlebende des Holocaust, Ralph Giordano, sowie das Simon-Wiesenthal-Center in Jerusalem. Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland forderte eine Entschuldigung von Oettinger. Die Jugendorganisation der Grünen forderte ebenfalls den Rücktritt Oettingers: „Da Ministerpräsident Oettinger offenbar unfähig ist, seine geschichtsverfälschenden Äußerungen zurückzunehmen oder sich dafür zu entschuldigen, muss er zurücktreten. Als Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg ist er nicht länger tragbar“, erklärte der Landesvorsitzende Sebastian Wolf für den Landesvorstand der Grünen Jugend Baden-Württemberg.

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December 17, 2005

NS-Opfer am Stuttgarter Flughafen bestattet

NS-Opfer am Stuttgarter Flughafen bestattet

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Artikelstatus: Fertig 21:28, 19. Dez. 2005 (CET)
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Filderstadt (Deutschland), 17.12.2005 – In Filderstadt wurden 34 NS-Opfer auf dem Grabfeld eines US-Luftwaffenstützpunkt im baden-württembergischen Filderstadt (Landkreis Esslingen) bestattet. Dabei handelt es sich um die sterblichen Überreste von KZ-Insassen, die bei Bauarbeiten am Flughafen zufällig gefunden wurden. Auf dem Gelände des Flughafens befand sich früher ein Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg Barbara Traub berichtete, das in diesem KZ in nur wenigen Monaten eine Vielzahl jüdischer Opfer ermordet wurden.

Unter den 300 Trauergästen befanden sich auch Überlebende des Holocaust. Am Grab sprachen sie Gebete, die Toten wurden in einfachen Kiefernholzsärgen bestattet. Diese wurden mit der gleichen Erde zugedeckt, in der sie auch gefunden wurde. Günther Oettinger, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, versprach, die Geschichte des KZ historisch aufarbeiten zu lassen und einen Gedenkstein für die 119 Opfer zu errichten.

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September 2, 2005

Oettinger fordert Systemwechsel bei der Rentenversicherung

Oettinger fordert Systemwechsel bei der Rentenversicherung

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Artikelstatus: Fertig 11:57, 2. Sep 2005 (CEST)
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Hannover (Deutschland), 02.09.2005 – Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) fordert einen Wandel im Rentensystem und damit langfristig das Ende des „Generationenvertrages“.

Oettinger sagte der Tageszeitung „Neue Presse“: „In 15 bis 20 Jahren halte ich eine grundlegende Umstellung für denkbar, so dass die Jungen nicht mehr in die Rentenkasse einbezahlen, sondern für sich selbst Rücklagen aufbauen.“

Zuvor hatte bereits der Finanzexperte im Wahlkampfteam der Union, Paul Kirchhof, die langfristige Umstellung des Rentensystems von der Umlagefinanzierung auf die Kapitaldeckung gefordert.

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