Zu wenig Psychologen für psychisch kranke Kinder in Deutschland

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Artikelstatus: Fertig 19:20, 30. Mär. 2007 (CEST)
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Berlin (Deutschland), 30.03.2007 – Auf eine in Deutschland unzureichende und regional stark unterschiedliche Betreuungssituation psychisch kranker Kinder hat der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) heute bei der Vorstellung eines Berichts zur Kinder- und Jugendgesundheit hingewiesen.

In den Bericht flossen neben allgemein zugänglichen Studien zur Jugendgesundheit die wissenschaftliche Arbeit von Psychologen an mehreren deutschen Universitäten sowie Erfahrungen aus der Praxis niedergelassener Psychologen ein.

Der Bericht beginnt mit der provozierenden These, Kinder seien in unserer Gesellschaft nicht nur in demografischer Hinsicht zur Randgruppe geworden. Von den dargelegten Zahlen, werden in dem Bericht zwei besonders hervorgehoben, die die Situation der Kinder und Jugendlichen in Deutschland treffend kennzeichnen sollen: Jedes zehnte Kind in Deutschland kann als „psychisch auffällig“ gelten, insgesamt liegen bei 18 Prozent der Kinder und Jugendlichen Hinweise auf psychische Auffälligkeiten vor. Dies entspricht in etwa der Situation bei Erwachsenen. Aufgrund der langfristigen Auswirkungen dieser psychischen Störungen von Kindern, sind diese Erkrankungen jedoch besonders ernst zu nehmen. Dabei können die Art der auftretenden Störungen wie folgt aufgeschlüsselt werden. Etwa zehn Prozent der an psychischen Störungen leidenden Kinder haben Ängste, weitere 7,5 Prozent leiden an so genannten dissozial-aggressiven Störungen. Der Bericht verweist darauf, dass bei mehr als der Hälfte der Achtjährigen mit dissozialen Störungen 17 Jahre später psychische Störungen auftreten. An Depressionen und hyperkinetischen Störungen leiden etwa 4,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Auffallend sei dabei die Abhängigkeit der Häufigkeit solcher psychischen Störungen vom sozialen Status. Inzwischen steht die Selbsttötung bei Jugendlichen an zweiter Stelle der festgestellten Todesursachen.

Der Verband weist auf die außerordentlich hohen gesellschaftlichen Folgekosten einer Nichtbehandlung solcher psychischen Störungen hin. Vergleichsweise herangezogene Studien aus den Niederlanden und Großbritannien belegen, dass die Behandlung psychischer Störungen für mehr als 20 Prozent der gesamten Ausgaben des Staatshaushalts für die Gesundheit in diesen Ländern verantwortlich ist.

Die Versorgungssituation mit Therapieangeboten und der Erreichbarkeit von Psychologen weist dem Bericht zufolge große regionale Unterschiede auf, die zu sehr unterschiedlichen Lebensperspektiven psychisch erkrankter Kinder führen. Besonders in den östlichen Bundesländern gebe es sehr wenige niedergelassene Psychologen. So kommt laut Bericht in Sachsen-Anhalt auf 200.000 Einwohner unter 18 Jahren ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut. In Baden-Württemberg sieht die Versorgungssituation wesentlich günstiger aus, hier stehen für die gleiche Zahl von Kindern und Jugendlichen 3.787 Therapeuten zur Verfügung.

Es spielt bei der Beurteilung der Situation neben der Statistik auch die Frage eine Rolle, wie ein vorhandenes Angebot an Beratung und Hilfe von den Betroffenen angenommen wird. Der BDP stellt fest, dass zwei Drittel der deutschen Erwachsenen mit psychischen Problemen nicht in Behandlung sind.

Welche Forderungen richten die Psychologen aufgrund der festgestellten Unterversorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher an die Politik? Zunächst fordert der Verband die stärkere Nutzung von Reihenuntersuchungen zur Früherkennung psychischer Störungen. Auch bei kinderärztlichen Untersuchungen sollten psychische Auffälligkeiten eine stärkere Beachtung finden. Die Situation der ambulanten Betreuung psychischer Erkrankungen in Deutschland sei vor allem im Hinblick auf die genannten regionalen Unterschiede zu verbessern. Der Verband fordert eine getrennte Bedarfsplanung für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen durch ausgebildete Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder eine Quotierung der Zahl der Kinder- und Jugendpsychotherapeuten bei der Bedarfsplanung, wobei bundesweit ein Mindestversorgungsgrad von zwanzig Prozent zu gewährleisten sei. Der Verband schätzt, dass durch solche Planungsinstrumente auf Bundesebene insgesamt 1.200 zusätzliche Stellen für Kinder- und Jugendtherapeuten geschaffen werden könnten. Die vom Verband unter Verweis auf Angaben der Bundesärztekammer angestellten Berechnungen ergeben einen erhöhten Finanzbedarf zwischen 100 bis 200 Millionen Euro (weniger als ein Prozent der Gesamtausgaben des Staates für Gesundheit) zur Absicherung der genannten Maßnahmen zur Personalausstattung in diesem Bereich.

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Quellen