Sexueller Missbrauch: Ehemalige Schüler erheben Vorwürfe gegen Odenwaldschule

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Veröffentlicht: 19:25, 6. Mär. 2010 (CET)
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Das Goethehaus, Schulgebäude der Odenwaldschule zum Zeitpunkt der Schulgründung 1910

Heppenheim (Bergstraße) (Deutschland), 06.03.2010 – Zwischen 1970 und 1985 ist es an der Odenwaldschule in Heppenheim (Hessen) offenbar zu Fällen von sexuellem Missbrauch von Schülern durch das Lehrpersonal der Schule gekommen. Das geht aus einer Stellungnahme der Schulleiterin Margarita Kaufmann hervor, die die Internatsschule seit 2007 leitet. Damals seien Minderjährige „Opfer sexueller Übergriffe nicht nur durch den damaligen Leiter der Odenwaldschule geworden“, heißt es in dem Schreiben an die Eltern der Schüler dieser integrierten Gesamtschule in freier Trägerschaft.

Die Vorfälle seien der jetzigen Schulleiterin dadurch zu Gehör gekommen, dass sie in den letzten Monaten Gespräche mit ehemaligen Schülern der Schule Gespräche geführt habe. Aus diesen Berichten ging hervor, dass die damals 13- bis 14-jährigen Schüler von den Lehrern durch Streicheln ihrer Genitalien geweckt worden waren. Die Schüler seien für „sexuelle Dienste“ eingeteilt worden und in Einzelfällen sogar Besuchern zum Missbrauch zur Verfügung gestellt worden. Opfer der Übergriffe seien mindestens 50 Schüler geworden, schreibt die Frankfurter Rundschau, möglicherweise auch bis zu 100 Schüler. Erste Anschuldigungen gegen den ehemaligen Schulleiter, der die Schule von 1971 bis 1985 führte, waren bereits vor etwa zehn Jahren laut geworden. Damals waren intensive Nachforschungen jedoch unterblieben. „Es war eine Unterlassung und ein grober Fehler, dass die Schule damals nicht nachgeforscht hat“, erklärte die gegenwärtige Schulleiterin Kaufmann dazu. Der damalige Schulleiter legte nach der damals (1998/99) bruchstückhaften Aufdeckung von Missbrauchsfällen alle schulischen Ämter nieder. Eine Strafanzeige wurde dann aber nicht weiterverfolgt, da die Straftaten inzwischen verjährt waren. Die Schule richtete damals einen „Ausschuss zum Schutz vor sexuellem Missbrauch“ ein und führte eine mehrjährige Supervision für Mitarbeiter durch.

Neben dem sexuellen Missbrauch soll es auch zur Anwendung von Gewalt gegen Schüler gekommen sein. Auch Alkohol- und Drogenmissbrauch wurde offenbar von Lehrkräften nicht nur geduldet, sondern anscheinend auch aktiv Beihilfe dazu geleistet.

Die Schule stand bisher in einem guten Ruf. So war sie 1963 von der UNESCO zur Projektschule für Reformpädagogik ernannt worden. Die Aufdeckung des Missbrauch-Skandals kommt für die Schule zu einem Zeitpunkt, zu dem das 100-jährige Bestehen der Odenwaldschule gefeiert werden soll. Die Feier soll im April stattfinden. Offenbar war die Leitung der Schule und ihr Vorstand bis zuletzt darum bemüht, die Aufklärung des Missbrauchskandals da „herauszuhalten“. So durfte ein Bericht des Frankfurter Psychologen Schwertl über die Missbrauchsfälle nicht in der Festbroschüre erscheinen.

Nach den ersten Gesprächen, die ehemalige Schüler mit Vertretern der Schule im Frühjahr 2009 geführt hatten, tat sich zunächst nicht viel. In einem Brief an die Schulleitung vom 19. Februar 2009 äußerten die ehemaligen Schüler: „Unsere Geduld ist erschöpft.“ Ein ehemaliger Lehrer äußerte ebenfalls Enttäuschung über die Art der Aufarbeitung der Vorkommnisse: „Der Schule ging es immer nur um ihren schönen Ruf. So ist es bis heute.“ Die Ehemaligen ließen jedoch nicht locker und setzten die Schule weiter unter Druck – bis hin zu einem Ultimatum, in der eine vollständige und offene Aufklärung der Vorkommnisse gefordert wurde. Am 1. März fand sich der Schulvorstand zu einer ersten Stellungnahme bereit, die eine Art Entschuldigung enthält: „Wir bitten auch um Verzeihung für die lange Zeit, die es gedauert hat, bis Ihre Verletzungen in der Schule wirklich wahrgenommen und anerkannt wurden.“ (zitiert laut FR)

Am Freitag, den 6. März gab die Schulleiterin der Odenwaldschule auf der Homepage der Schule eine Erklärung ab, in der es heißt: „Als Institution müssen wir begreifen, dass wir den Opfern nur durch eine aktive Aufarbeitung der Missbrauchsfälle an unserer Schule gerecht werden können.“

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Quellen