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October 5, 2013

Heidi K. zu fünfeinhalb Jahren verurteilt – Innenansichten einer Gerichtsverhandlung

Heidi K. zu fünfeinhalb Jahren verurteilt – Innenansichten einer Gerichtsverhandlung

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Veröffentlicht: 19:14, 5. Okt. 2013 (CEST)
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Darmstadt (Deutschland), 05.10.2013 – Mit Worten ist der Blick nicht beschreibbar, den Helga Arnold (77) auf die Angeklagte richtet, bevor sie den Stuhl im Landgericht Darmstadt herbeizieht und als Zeugin Platz nimmt. „Zwölf Jahre Hölle“ hat sie erlebt, erzählt sie der Vorsitzenden Richterin, und „alles nur wegen dieser Frau“. Sie meint Heidi K., die Frau mit der roten Perücke, die ihr schräg gegenübersitzt, zwischen ihren drei Verteidigern. K. hatte ihren Sohn, den Lehrer Horst Arnold, im Jahr 2001 angezeigt. Im Biologie-Vorbereitungsraum der Georg-August-Zinn Schule in Reichelsheim im Odenwald habe er sie, seine Kollegin, anal vergewaltigt und dabei geboxt und getreten. Auch soll er sie und ihren damals 12-jährigen Sohn mit dem Tod bedroht haben. Anschließend soll Arnold auch noch den Versuch unternommen haben, sie vaginal zu vergewaltigen. Eine Vergewaltigung hat aber nie stattgefunden, das hatte bereits das Landgericht Kassel im Jahr 2011 festgestellt, als es Arnold in einem späten Wiederaufnahmeverfahren freisprach – fünf Jahre nachdem Arnold aus dem Gefängnis entlassen worden war. Zuvor hatte er fünf Jahre gesessen, beginnend mit seiner Verhaftung einige Tage nach der angeblichen Tat. Ein Jahr später war der Prozess am Landgericht Darmstadt. Beweiskräftige Spuren konnte die Staatsanwaltschaft nicht präsentieren, aber das Gericht glaubte Heidi K., folgte ihrer Darstellung in vollem Umfang. Dass er die Tat von Anfang an bestritt, nützte ihm nichts, denn er war Alkoholiker und wenn er getrunken hatte, konnte er aggressiv werden und es gab sexuelle Anzüglichkeiten. Sie hingegen hatte Charisma, konnte Menschen für sich einnehmen. In ihren Tränen schien sich Beweiskraft zu kristallisieren. Von ihrer blühenden Fantasie war damals wenig bekannt, an der Schule war sie erst seit wenigen Tagen.

Ein Jahr nach seinem nachträglichen Freispruch starb Horst Arnold in der Nähe seiner Wohnung im saarländischen Völklingen. Er war einkaufen und auf dem Fahrrad unterwegs, als sein Herz versagte. Die Trägheit der Behörden sorgte dafür, dass sein Leidensweg auch nach seiner Rehabilitation nicht endete. Sein größter Wunsch war es, wieder als Lehrer zu arbeiten. Aber auch das Ministerium zeigte wenig Wiedergutmachungsbereitschaft. Horst Arnold starb einsam und verarmt.

Anja Keinath ist Frauenbeauftragte für Schulen im Kreis Bergstraße und so etwas wie die Kronzeugin im Verfahren gegen Heidi K., das letzten Monat mit dem nachdrücklichen Schuldspruch endete. Ohne sie wäre es sicher nicht so weit gekommen, sie kannte K., zählte damals zu ihren Unterstützern, begleitete sie vor Gericht, als Horst Arnold verurteilt wurde, zu fünf Jahren Gefängnis. Damals hatte sie wenig Zweifel, erst später, als sie von den Geschichten erfuhr, die Heidi K. ihr und anderen erzählte, nagten die Zweifel in ihr – so gehörig, dass ihr noch vor Gericht, als sie dies wiedergibt, für einen Moment die Stimme versagt. Als ihr Verdacht, dass K. einen Menschen unschuldig ins Gefängnis gebracht hatte, in Gewissheit umschlug, quälte sie diese „grausame Erkenntnis“. „Was mach ich jetzt?“, fragte sie sich – nie hatte sie etwas mit der Polizei zu tun gehabt, „die glauben mir doch nicht“. Das war, als Horst Arnold schon wieder entlassen war. In ihrer Not wandte sie sich an ihren Bruder, Hartmut Lierow, Rechtsanwalt für Zivilsachen in Berlin. Der reagierte zuerst sehr zurückhaltend, warnte seine Schwester. Wenn sie sich auf die Seite eines rechtskräftig verurteilten Verbrechers stelle, müsse sie bereit sein, als Risiko ihre Stelle zu verlieren. Keinath war bereit – und besorgte sich eine Aussagegenehmigung. Ihr Bruder fing an zu recherchieren; es war schon nicht einfach, Horst Arnold zu finden, der wohnte nach seiner Entlassung im Elternhaus, später als Hartz-IV-Empfänger im Saarland. Aber was Lierow über Heidi K. herausfand, sprengte den Rahmen des Alltäglichen. Als er so viele belastende Geschichten erfuhr, dass sich das Bild einer chronischen Lügnerin abzeichnete, beantragte er die Wiederaufnahme des Verfahrens. Aber es dauerte noch, bis im Sommer 2011 in Kassel die Neuverhandlung stattfand, zehn Jahre nach der angeblichen Tat.

Eine der großen Geschichten von Heidi K. war die vom Polizisten und Lebensgefährten „Manfred“, der im Kampf gegen al-Qaida-Terroristen einen Kopfschuss erlitten und im Koma gelegen habe, dann aber von ihr gesundgepflegt worden sei. Dass er dann ganz plötzlich doch gestorben sei, wie sie ihren verdutzten Kollegen äußerst beiläufig mitteilte, könnte damit zu tun haben, dass er nicht mehr in ihre Karrierepläne gepasst hat. Oder einfach um ein groteskes Fantasieprodukt sterben zu lassen. Eine Kollegin soll es sogar vorausgesagt haben: „Wartet, bald lässt sie ihn sterben, weil sie nicht mehr weiter weiß.“ Wo er beerdigt wurde, ließ sich nicht erfahren. Aber es gibt Manfred, den Kripobeamten, der ein einfacher Bekannter von K. war. Im Zeugenstand erklärt der „Untote“: „Ich kann es nicht sein, ich sitze ja hier.“

Bedeutend auch die Gift-Sache: Zwei Schulen später in ihrer wechselvollen Karriere war K. zur Konrektorin aufgestiegen. Gemeinsam mit einer Kollegin setzte sie einen Vorwurf in die Welt, sie wären vergiftet worden, beide. So richtig schlimm aber nur Heidi K., die sich ins Krankenhaus begab. Dort, so bezeugte einer der beiden behandelnden Toxikologen, wurde dann „ein Riesenrad an Diagnostik gedreht“, wie es heute schon aus ökonomischen Gründen kaum noch denkbar sei. Wenn man die Ärzte vor Gericht reden hört, hat man den Eindruck, als würden sie auch jetzt noch irgendwie davon ausgehen, dass da etwas war, was sie vielleicht einfach noch nicht gefunden haben. Dass die Krankheit eine eingebildete war, scheinen sie nicht in Betracht gezogen zu haben. Aber wer viel sucht, findet wohl auch viel. Da war irgendetwas am Herzen. Und ein Muster an den Fingernägeln, das auch ein Vergiftungssymptom sein kann. Letztlich ließ sich aber nichts erhärten. Und doch landete K. sogar kurzzeitig auf der Intensivstation. Sie erzählte später von Lebensgefahr. Das aber, so die medizinischen Zeugen bei Gericht, war eindeutig nicht der Fall. Was übrig blieb, waren Spuren zweier Psychopharmaka im Urin, die Heidi K. nach eigenen Angaben nicht selbst eingenommen hatte.

Als Symptom ihres Leidens hatte K. „Schwindel“ angegeben. Eine bemerkenswerte Angabe.

Heidi K. war dreimal verheiratet. Dass er sie geschlagen hat, gibt Ehemann Nr. 1 zu. Grundlos eifersüchtig sei sie gewesen, habe bei Freunden schlecht über ihn geredet und Lebensmittel, die er eingekauft hatte, auf den Boden geworfen. Seine Wut darüber habe er einmal an einer Gipswand ausgelassen, ein anderes Mal diente eine Luftpumpe zum Aggressionsabbau. Manchmal eben auch sie selber. Ehemann Nr. 2 möchte nicht aussagen, gestattet aber, dass seine protokollierten Aussagen verlesen werden. Ehemann Nr. 3 schildert seine Ehe als psychische Extrembelastung. Am Ende musste sogar ein Notarzt kommen, so wird ein Schriftstück aus den Akten zitiert. Diese groteske Schilderung will der Zeuge nicht bestätigen, aber es sei ihm wirklich schlecht gegangen damals, „das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, er sei „ihren ständigen Machtspielen ausgesetzt“ gewesen. Bei einem Streit hat er ihr die Hand gebrochen, in der sie eine Fernbedienung hielt. Immer sei K. auf das Geld seiner Eltern erpicht gewesen, er solle sich doch sein Erbe auszahlen lassen. Die Eltern aber hatten überhaupt keine gute Meinung von ihrer Schwiegertochter.

Dass K. eine außerordentlich attraktive Ausstrahlung hatte, sagen nicht nur die Ehemänner übereinstimmend. Sex sei ihr wohl wichtig gewesen als Selbstbestätigung, sagt Ehemann drei auf eine Frage der Staatsanwaltschaft. Eine bemerkenswerte Episode berichtet ein Zeuge, der sich als Sohn einer lokal einflussreichen Persönlichkeit vorstellt und mit dem Heidi K. einmal gemeinsam im Auto von einer Party nach Hause fuhr. Ob es hierbei zum Sex gekommen ist, dazu gibt es zwei unterschiedliche Versionen. Er sagt, dass er dazu viel zu betrunken gewesen sei. Mit der besitzergreifenden Art von K. hatte er aber nicht gerechnet. Die rief bei dem Frischverheirateten zu Hause an und erklärte ihm: „Deine Frau kannst du vergessen, du bist jetzt mein Mann.“ Das gab Ärger, denn der Gattin blieb das nicht verborgen. Der Zeuge beteuert aber, noch heute mit ihr glücklich verheiratet zu sein.

Das beste Alibi der Welt: Gefängnis

Ein bizarres Element der Causa Horst Arnold blieb, auch im jetzt zu Ende gegangenen Gerichtsverfahren, der Michelstadtvorfall: Am 3. Oktober 2001, ungefähr einen Monat nach der vorgeblichen Tat, behauptete K. in der Fußgängerzone von Michelstadt auf Arnold getroffen und erneut von ihm bedroht worden zu sein. Ihre Eltern waren dabei. Sie identifizierten Arnold sogar unter mehreren Bildern, die ihnen vorgelegt wurden. Nur saß Arnold schon seit dem Vortag in Untersuchungshaft. Der Gutachter meinte dazu später, Heidi K. könne einer „Affektillusion“ erlegen sein. Es bleibt schleierhaft, warum diese Episode im Prozess gegen K. so ausführlich wiederbelebt wurde: Schon am ersten Prozesstag kam Verteidiger Rock mit der Behauptung, der Bruder von Horst Arnold wäre damals in der Nähe gewesen und der würde ihm ähnlich sehen. Es war fraglich, was am Ende damit gewonnen wäre, wenn bewiesen würde, dass Heidi K. nur einer normalen Verwechslung erlegen sei. Bereits am gleichen Tag gab es ein Dementi bezüglich einer Ähnlichkeit zwischen Horst Arnold und seinem jüngeren Bruder Steffen. Dann war der Vater von Heidi K. als Zeuge geladen. Steffen Arnold saß auf den gut besetzten Zuschauerbänken, da wurde der 90-Jährige gefragt, ob er jemand identifizieren könne, der wie damals ausgesehen hat, in Michelstadt. Er sah niemand. Aber wer glaubte, dass die Sache damit erledigt sei, täuschte sich. Als die Anzahl der Zeugen schon die 60 überschritten hatte, fand sich Steffen Arnold am Zeugentisch. Er hatte Fotos dabei, die beweisen sollten, dass er damals mitnichten seinem Bruder ähnlich gesehen hatte. Was nun folgte, war Drama à la K.: Verteidiger Torsten Rock eröffnete dem nicht wenig erstaunten Publikum, dass seine Mandantin draußen vor dem Saal die Begleiterin von Steffen Arnold wiedererkannt habe – just als die Frau, die damals in Michelstadt Arnold begleitet habe. Auf Befragung durch die Verteidigung erfuhr man nun, dass die Begleiterin die Lebensgefährtin von Steffen Arnold war, nicht verheiratet, wenn auch zufällig gleichen Nachnamens. Die Vorsitzende Richterin dachte sich wohl: „Auf eine weitere Zeugin kommt es jetzt auch nicht mehr an”, und rief die blonde Frau auf Antrag der Verteidigung direkt in den Zeugenstand; als letzte Zeugin der insgesamt 18-tägigen Gerichtsverhandlung. Den Protest von Steffen A. ignorierte die Richterin geflissentlich, der schimpfte, ein Rechtsbeistand wäre vonnöten, aber so kompliziert wollte Frau A. nicht sein und nahm vorne Platz. Sie bezeugte, dass sie Witwe sei und erst seit wenigen Monaten mit Steffen Arnold liiert. Als treue Gattin gab es damals nicht den geringsten Grund, mit ihrem jetzigen Lebensgefährten vor 12 Jahren in Michelstadt zu flanieren, entkräftete sie die bizarre Spekulation. Trotzdem wollte die Verteidigung noch wissen, ob sie vor 12 Jahren nicht vielleicht eine andere Haarfarbe hatte, denn die sollte laut K. auch noch eher braun gewesen sein, damals. Und weil Frau A. ihren Beruf als Friseurin angegeben hatte, unterstellt ihr Verteidiger Rock gleich die problemlose Veränderbarkeit der Haarfarbe. Frau A. weist auch dies zurück, und überhaupt, sie steht zu ihrer Haarfarbe. Und sie findet es lächerlich, dass die Angeklagte „nach solchen Strohhalmen“ greift.

Der Unterhaltungswert dieser Gerichtsszenen für die unmittelbaren Gerichtsbeobachter steht außer Frage. Ganz im Gegensatz zu möglichen Beweiswerten. Was soll das? Will die Verteidigung in letzter Minute demonstrieren, dass die Angeklagte unzurechnungsfähig ist? Psychiatrie als Ausweg? Schuldunfähigkeit? Dem steht die klare Aussage des Gutachters Norbert Leygraf entgegen, nach der Heidi K. zwar an einer „histrionischen Persönlichkeitsstörung“ leidet, aber trotzdem klar schuldfähig ist.

Fünfeinhalb Jahre lautet das Urteil schließlich. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Heidi K. gelogen hat, als sie vor zwölf Jahren ihren Kollegen Horst Arnold der Vergewaltigung bezichtigte. Zwei Monate gelten als abgebüßt, weil sich das Ganze so lange hingezogen hat, seit gegen K. ermittelt wurde. Auch eine Vorverurteilung durch die Medien bemängelt die Vorsitzende Barbara Bunk. Zu Recht weist sie darauf hin, dass es eine Unschuldsvermutung gibt und auch der Freispruch von Horst Arnold durch das Gericht in Kassel diese nicht ersetzen konnte. Das deutliche Strafmaß ist gerechtfertigt; aber es geht nicht nach dem biblischen Racheprinzip „Auge um Auge“, sagt Bunk.

Und die Unschuldsvermutung? Kann nicht auch eine Lügnerin vergewaltigt worden sein? Ja, kann sie. Aber die kritische Würdigung der „Tatumstände” lässt dies so zweifelhaft erscheinen, dass das Urteil mehr als nachvollziehbar ist. Die Tat soll sich während der Schulpause abgespielt haben, in einem engen Zeitfenster, K. soll anschließend tadellos gepflegt zur Deutschstunde erschienen sein, dabei führte ihr Fluchtweg angeblich über eine Feuerleiter und Büsche, wo sie sich übergeben hätte. Zu dem Biologie-Unterrichtsvorbereitungsraum hatten 20 Lehrer Schlüssel, der Raum war gut frequentiert, aus benachbarten Klassenräumen strömten Schüler über den Gang, verteilt über die Pause. Schon damals sagten einige Lehrer, dass die Tat ihnen allein aufgrund der räumlichen und zeitlichen Umstände abwegig erschien. Aber hatte K. nicht Verletzungen? Schon zuvor war bekannt, dass beim ersten Arztbesuch an K. keine Blutungen und keine Analfissur festgestellt wurden. Nun sagte auch noch eine Ärztin von Heidi K. aus, die zuvor noch nicht gehört wurde. Frau Dr. Ober ist ehemaliges Mitglied des Bundestages und im Hauptberuf Gynäkologin. Sie schildert, wie sie eine manuelle Untersuchung im Analbereich durchführt. Sie fand nichts, als sie Heidi K. untersuchte. Erst später bei einer anderen Ärztin findet sich dann eine Analfissur, die nach Einschätzung der Ärztin gut zu einer Vergewaltigung passte.

Und das Motiv? Damals konnten Arnolds Richter keines erkennen, und damit lagen sie nicht so falsch. Aber, das sagt auch Bunk in ihrer Urteilsbegründung: Eine gestörte Persönlichkeit braucht kein klares, sprich vernünftiges Motiv. Zwar ist es gut möglich, dass K. auch die frei werdende Stelle in der Oberstufe anvisiert hatte, denn da wollte sie unbedingt hin. Aber ein durchdachter Plan K.s lässt sich beim besten Willen nicht erkennen.

Mit der Verurteilung von Heidi K. ist ein Kapitel deutscher Rechtsgeschichte im wesentlichen am Ende angelangt, abgesehen von der Revision die K. eingelegt hat und der Zivilklage der Tochter von Horst Arnold, die nächste Woche beginnen soll. Es wird nicht der letzte Justizirrtum bleiben, der nachträglich aufgeklärt wurde. Dass es sich um die Spitze eines Eisbergs handeln könnte, ist eine Erkenntnis, die nach Verdrängung schreit. Vor Gericht ist man genauso in Gottes Hand wie auf hoher See, das wissen die Juristen. Dass Horst Arnold wenigstens seine Ehre noch zu Lebzeiten wieder zurückerhalten hat, ist vor allem zwei Personen zu verdanken. Einer Frauenbeauftragten aus dem Odenwald und einem Anwalt aus Berlin.

Helga Arnold aber wird weiter regelmäßig hinaufgehen zum Friedhof an der kleinen Kirche und das Grab ihres Sohnes pflegen. Und hoffentlich doch noch ihren Frieden finden, jetzt wo es vorbei ist.

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(Der Autor hat, als einziger Medienvertreter, dem Prozess lückenlos beigewohnt.)

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April 30, 2013

Letzter Akt im Justizdrama Horst Arnold: Prozess gegen Lehrerin hat begonnen

Letzter Akt im Justizdrama Horst Arnold: Prozess gegen Lehrerin hat begonnen

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Veröffentlicht: 18:33, 30. Apr. 2013 (CEST)
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Darmstadt (Deutschland), 30.04.2013 – Ein glorreicher Sieg für die Gerechtigkeit war es nicht, als Horst Arnold im Sommer 2011 in einem Wiederaufnahmeverfahren vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde. Nicht nur hatte er seine Haft da längst abgebüßt, nur ein knappes Jahr später starb Arnold. Morgens fiel er vom Fahrrad und war tot. Trotz seiner Rehabilitation kämpfte Arnold erfolglos gegen eine unbarmherzige Bürokratie. Nicht nur sein dringendster Wunsch, wieder zurück in den Lehrerberuf zu kommen, wurde ihm versagt, auch andere Dinge, wie der Antrag auf eine Kur, stießen auf Ablehnung.

Dass gegen seine mutmaßliche Peinigerin Anklage erhoben wurde, erfuhr er nicht mehr.

Am vergangenen Donnerstag begann vor dem Landgericht Darmstadt der Prozess gegen Heidi K., die Kollegin, die ihn im Jahr 2001 der Vergewaltigung bezichtigte. Mit einer roten Perücke und einer Sonnenbrille erschien die mittlerweile vom Dienst suspendierte Lehrerin im Gerichtssaal, hielt sich zusätzlich einen Stapel Papier vors Gesicht, um sich vor den Kameras zu schützen.

Die Angeklage lautet auf „schwere Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft“. Dieses juristische Konstrukt musste herhalten, weil die falsche Verdächtigung an sich bereits verjährt ist.

Zur Überraschung der meisten Beobachter, machte die Angeklagte von ihrem Schweigerecht keinen Gebrauch und stellte sich, anders als bislang, den Fragen des Gerichts. Damit war der erste Prozesstag ausgefüllt, und schon bald wurde klar, dass Heidi K. (so gab sie ihren Vornamen zu Protokoll) bei ihrer Darstellung blieb, damals in der großen Pause im Biologievorbereitungsraum der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim anal vergewaltigt und mit dem Tod bedroht worden zu sein.

Es darf bezweifelt werden, ob K. im ursprünglichen Verfahren 2002 so intensiv und hartnäckig zum Tatgeschehen befragt wurde, wie es an diesem Tag der Fall war. Immer wieder hakt die Vorsitzende Richterin Barbara Bunk nach, will es genauer wissen, genauer beschrieben haben. Was bedeutet dies? Was ist damit gemeint? Das Gericht besteht jetzt auf einer detaillierten Darstellung und fragt auch mehrfach zur gleichen Sache. Es geht um das „Tatgeschehen“, aber auch um Werdegang und persönliche Verhältnisse von Heidi K. „Wer fragt, führt“, erklärt die Richterin irgendwann, damit meint sie, es wäre ihr lieber, K. würde mehr von sich aus erzählen, als nur auf Fragen zu reagieren. Das klappt jedoch nicht wirklich. Ein flüssiger Vortrag kommt selten von der Anklagebank. Das Gericht macht aber auch keinen Druck, sondern wartet, bevor es die nächste Frage stellt, so dass immer wieder kleine Pausen entstehen.

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Versucht man auszublenden, was man über Heidi K. weiß, und das Gesagte völlig unvoreingenommen zu beurteilen, kann man nicht pauschal sagen, dass es nicht stimmig wäre. Wüsste man nicht mittlerweile, dass auch die Tat selbst sich kaum so abgespielt haben kann wie geschildert, man könnte sie auch glauben. Dabei geht die Stimme von K. ein paarmal ins Weinerliche. Für die Angehörigen von Horst Arnold im Gerichtssaal muss das schwer zu ertragen sein. Aber auch der unvoreingenommenste Beobachter dürfte stutzig werden, wenn die Richterin z.B. fragt, was Heidi K. unter einer angegebenen Vaginalblutung verstehe, ob die Regelblutung oder eine Verletzung gemeint sei, und die Antwort lautet: „Das weiß ich nicht mehr.“

Alles in allem kann man sagen, dass die Aussage der Angeklagten dürftig wirkt. Dazu müssen sich Zuschauer ständig anstrengen etwas zu verstehen, denn K. spricht eher leise und eine Mikrofonanlage scheint im Altbau des Landgerichts Darmstadt als Luxus zu gelten. Man muss der Angeklagten zugute halten, dass „der Vorfall“, wie es die Vorsitzende betitelt, nun zwölf Jahre her ist. Andererseits ist es auch nicht unbedingt schwer, eine Darstellung immer wieder nahezu wortgleich zu wiederholen. Und es wurden im Laufe des Tages bereits einige Widersprüche offen angesprochen, sowohl von der Vorsitzenden, als sie spätestens nach einigen Stunden feststellt, dass eine Aussage von K. im Gegensatz zu Aussagen einer größeren Zahl von Zeugen steht, als auch vom geladenen sachverständigen Gutachter, der K. schon zu Anfang mehrfach damit konfrontierte, dass sie ihm zuvor andere Angaben gemacht habe.

Was Datumsangaben in ihrer Biografie betrifft muss K. regelmäßig passen, vorbereitet hat sie sich hierzu offenbar nicht. Die vielen offensichtlichen Lügenmärchen, die Heidi K. in ihrer Biografie angehäuft hat, waren erst zu einem geringen Teil Gegenstand der Vernehmung. Die Tochter, die Heidi K. zu haben vorgab und die bei einem Autounfall getötet worden sei, sollte nun eine Zwillingstotgeburt gewesen sein, sie müsse da wohl missverstanden worden sein. Und wenn sie einmal von ihrem Ehemann die Treppe heruntergestoßen worden sein will und dann wieder „aus der Tür geschoben“, dann erklärt sie das damit, dass vor der Türe die Treppe gewesen sei.

Machte Verteidiger Torsten Rock anfangs nicht den Eindruck, viel zur Verteidigung seiner Mandantin zu unternehmen, so ging er am Nachmittag zum Angriff über. Er will offenbar das Bild von Horst Arnold nicht ungetrübt stehen lassen. Seine nachdrückliche Behauptung, auch Arnold habe nicht immer die Wahrheit gesagt, löst leichte Unmutsbekundungen im Publikum aus. Dabei sagt auch der Anwalt des Verstorbenen, Hartmut Lierow, Arnold habe sich auch gar nicht als ein Säulenheiliger dargestellt.

Und noch eine Trumpfkarte zieht der Verteidiger aus dem Ärmel: Bezugnehmend auf das Ereignis, als seine Mandantin von Horst Arnold auf dem Marktplatz in Michelstadt bedroht worden sein will, an einem Tag, als dieser bereits in Untersuchungshaft saß, erklärte er überraschend, dass dessen Bruder damals in der Nähe gewesen sei. Und dieser sei ihm ähnlich gewesen. Letztere Darstellung wurde von einem Verwandten Arnolds gegenüber Wikinews umgehend zurückgewiesen.

Am Ende des ersten Gerichtstages hat man den Eindruck, dass die Verteidigung das Bild des verstorbenen Justizopfers Horst Arnold nicht schonen wird – aber auch, dass am Ende ein deutliches Urteil stehen könnte. Bis zu zehn Haft Jahre sind möglich. Fragt man Steffen Arnold, den Bruder des Verstorbenen, so will dieser zumindest, dass Heidi K. nie wieder die Möglichkeit bekommt, Schaden anzurichten.

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July 11, 2012

Fall Arnold: Anklage gegen Beschuldigerin erhoben

Fall Arnold: Anklage gegen Beschuldigerin erhoben

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Veröffentlicht: 00:34, 11. Jul. 2012 (CEST)
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Darmstadt (Deutschland), 11.07.2012 – Im Fall des vom Vorwurf der Vergewaltigung in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochenen und kürzlich verstorbenen Lehrers Horst Arnold kommt es nun zur Anklageerhebung gegen seine ehemalige Kollegin Heidi K., die ihn 2001 der Vergewaltigung bezichtigt hatte. Eine entsprechende, 30-seitige Anklageschrift ist beim Landgericht Darmstadt eingegangen. Demnach wird Heidi K. vorgeworfen, Horst Arnold durch eine bewusste Falschaussage ins Gefängnis gebracht zu haben. Diese Strafe hatte Arnold von 2001 bis 2006 vollständig abgesessen. Erst nach seiner Haftentlassung fiel auf, dass Heidi K. häufig Geschichten erfand, die keiner Nachprüfung standhielten, so dass ihre Glaubwürdigkeit massiv erschüttert war. Ins Rollen gebracht wurde der Fall von der Frauenbeauftragten, die ursprünglich für Heidi. K. zuständig war. Sie überzeugte ihren Bruder, den Anwalt Hartmut Lierow, sich der Sache anzunehmen, was sich dieser letztlich unentgeltlich und mit großem Engagement zur Aufgabe machte. Dank seiner Bemühungen kam es 2011 in einer Wiederaufnahme durch das Landgericht Kassel zu einem Freispruch erster Klasse.

Jedoch lebte Arnold auch anschließend als arbeitsloser Hartz-IV-Empfänger weiter, obwohl er nachhaltig eine Rückkehr in seinen Beruf anstrebte. Sein Anwalt kritisierte die Behörden scharf, indem er ihnen Desinteresse am Schicksal seines Mandanten vorwarf. Vor zwölf Tagen starb Arnold unerwartet nahe seiner Wohnung im saarländischen Völklingen. Laut Obduktion erlag er einem Herzinfarkt. Obwohl das Urteil im Februar vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde, blieb sein Antrag auf Haftentschädigung bis heute unbearbeitet.

Das Thema beschäftigte zuletzt auch den hessischen Landtag im Rechtsausschuss. Sowohl von der CDU als von der Linken wurde Unterstützung bekundet. Der rechtspolitische Sprecher der Fraktion DIE LINKE, Ulrich Wilken, übte scharfe Kritik daran, wie die hessische Landesregierung mit Justizopfern umgeht, und forderte Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) auf, „die Vorfälle aufzuklären und sich ernsthaft damit zu befassen, wie so etwas künftig vermieden werden kann“. Von dessen Parteikollegin, der ehemaligen Kultusministerin Dorothea Henzler, erhielt Arnold den Hinweis, er müsse sich als Lehrer auf dem normalen Weg bewerben. Sein Anwalt kritisierte dies scharf und sprach von einer moralischen Pflicht zur Wiedereinsetzung Arnolds in seinen Beruf.

Die Studienrätin Heidi K. beharrt immer noch auf ihrem damaligen Vergewaltigungsvorwurf. Ihr drohen bis zu zehn Jahre Haft sowie die Entlassung aus dem Staatsdienst. Zuletzt war die Biologielehrerin vom Unterricht suspendiert und erhielt gekürzte Bezüge.

Die Anwältin von Heidi K. im Juli 2011 nach dem Freispruch für Horst Arnold am Landgericht Kassel: „Zwei völlig unterschiedliche Urteile stehen sich hier gegenüber. Eines von beiden ist falsch.“

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Berichtigungsnotiz: ursprünglich wurde im Text das Jahr des Freispruchs falsch mit 2012 angegeben ; Henzler war nicht Justizministerin. Beginn und Ende der Haft waren zuerst falsch angegeben.

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July 5, 2012

Justizopfer Horst Arnold ist tot

Justizopfer Horst Arnold ist tot – Wikinews, die freie Nachrichtenquelle

Justizopfer Horst Arnold ist tot

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Veröffentlicht: 22:02, 5. Jul. 2012 (CEST)
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Völklingen (Deutschland), 05.07.2012 – Horst Arnold ist tot. Fast ein Jahr, nachdem er als zu Unrecht Beschuldigter in einem Wiederaufnahmeverfahren rehabilitiert wurde, wurde der 53-jährige, der eine Tochter hinterlässt, am vergangenen Freitag tot in der Nähe seiner Wohnung im saarländischen Völklingen aufgefunden. Wie sein Anwalt Hartmut Lierow mitteilte, brach er offenbar auf der Straße zusammen. Die Polizei gibt Herzversagen als Ursache an und schließt ein Fremdverschulden aus.

Im Jahr 2002 war der Lehrer wegen Vergewaltigung einer Kollegin zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Erst nachdem er diese Strafe restlos abgesessen hatte, wurde bekannt, dass das angebliche Opfer Heidi K. und damit gleichzeitig die Hauptbelastungszeugin regelmäßig durch abstruse Geschichten aufgefallen war, die sie in vielen Fällen ihrer Umgebung auftischte, als wäre es ihr Ernst. Ebenso unglaublich waren Gerüchte, die sie ungewöhnlich effektiv auszustreuen verstand, in denen sie sich z.B. als Vergiftungsopfer darstellte. Zuletzt ergab sich von ihr das Bild einer chronischen Lügnerin.

Erst nach umfangreichen Ermittlungen, die Anwalt Lierow auf eigene Faust und eigene Kosten unternahm, war genug Material beisammen, um ein Wiederaufnahmeverfahren vor dem Landgericht Kassel erfolgreich durchzusetzen. Im Sommer 2011 war es dann soweit: Horst Arnold wurde nachträglich freigesprochen. Heute vor genau einem Jahr erging dort der Urteilsspruch, der keinen Zweifel an seiner Unschuld ließ. Obwohl schon ein Wiederaufnahmeverfahren im Strafrecht eine Sensation ist, wurde der Prozess überwiegend von regionalen Medien begleitet, die renommierten Gerichtsreporter von SPIEGEL und ZEIT waren damals, kurz nach dem Kachelmannprozess nicht präsent.

Die von Arnold direkt nach dem Freispruch geäußerte Hoffnung, sein Leben werde sich nun langsam zum Guten wenden, schien sich nicht zu erfüllen.

Arnold hatte durch die Haft seinen Beruf verloren und den Großteil seiner Freunde. Er büßte sein Vermögen ein und seine Beziehung zerbrach. Sein größtes Anliegen, die Rückkehr in seinen Beruf als Lehrer, scheiterte an der Gleichgültigkeit der zuständigen Stellen. Schreiben an die frühere Kultusministerin in Hessen, Dorothea Henzler, mit der Bitte um eine bevorzugte Wiederanstellung blieben lange unbeantwortet; dann nur der Hinweis, Arnold solle sich beim „Zentralen Personalmanagement“ bewerben. Das hatte er längst getan, wie sein Anwalt mitteilte. Sein Haftentschädigungsantrag blieb bis zuletzt unbearbeitet. Auf die Bitte, ihm bis zu einer Wiedereinstellung Abschlagszahlungen zu gewähren, erfolgte keine Reaktion.

Bis zuletzt blieb Horst Arnold ein arbeitsloser Hartz-IV-Empfänger. Die Verbitterung darüber kann sein Anwalt nicht verhehlen.

Für all diese Angelegenheiten seines Mandanten hat sich Lierow unermüdlich eingesetzt, er schrieb Anträge und Mahnungen an Behörden, unterstützte und begleitete ihn in alltäglichen Belangen.

Empört ist er auch, weil die Staatsanwaltschaft Darmstadt bis heute noch keine Anklage gegen Heidi K. erhoben hat; die gleiche Staatsanwaltschaft, die, wie er sagt, die Ermittlungen gegen seinen Mandanten damals sehr einseitig geführt habe. Heidi K. ist bei mittlerweile leicht gekürzten Bezügen vom Schuldienst suspendiert. Die Entscheidung, ob gegen sie Anklage erhoben wird, wurde ausgerechnet am Todestag von Arnold getroffen, wie die Staatsanwaltschaft Darmstadt mitteilte. Sie wurde jedoch noch nicht veröffentlicht, da sie zuerst zugestellt werden muss.

In seiner Pressemitteilung resümiert Hartmut Lierow: „Die Jahre der Haft und des anschließenden Wartens haben die Gesundheit von Horst Arnold zerrüttet. Sein Herz – so scheint es – hat das alles irgendwann nicht mehr ertragen.“

Horst Arnold nach seinem Freispruch heute vor einem Jahr in Kassel

Zum Thema[Bearbeiten]

Wikinews-logo.svg Alle Artikel zum Thema Horst Arnold
DasErste-Logo.svg Horst Arnold bei Beckmann (06.10.2011)

  •  
    Wikipedia-logo-v2.svg In Wikipedia gibt es den weiterführenden Artikel „Horst Arnold“.

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July 10, 2011

Freispruch nach Wiederaufnahmeverfahren: Lehrer saß fünf Jahre im Gefängnis für erfundene Vergewaltigung

Freispruch nach Wiederaufnahmeverfahren: Lehrer saß fünf Jahre im Gefängnis für erfundene Vergewaltigung

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Veröffentlicht: 05:32, 10. Jul. 2011 (CEST)
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Kassel (Deutschland), 10.07.2011 – Damals schien alles klar zu sein: Der Biologielehrer Horst Arnold war schuldig befunden worden, seine 6 Jahre jüngere Kollegin Heidi K. während einer Schulpause vergewaltigt zu haben. Heute sieht alles anders aus: In einem Wiederaufnahmeverfahren wurde Arnold am Dienstag freigesprochen. Auslöser für die Neubewertung waren Recherchen, die das angebliche Vergewaltigungsopfer als chronische Lügnerin entlarvten.

Es war das zweite Verfahren in gleicher Sache, eines der seltenen Wiederaufnahmeverfahren: Die Formalien waren die selben wie zuvor. Wieder musste Horst Arnold auf der Anklagebank Platz nehmen. Doch jetzt endete es mit einem Freispruch – erster Klasse.

Es war an der Georg-August-Zinn-Schule in Reichelsheim. Hier soll der heute 52-jährige Biologie- und Sportlehrer seine Kollegin im Jahr 2001 im Biologie-Vorbereitungsraum gegen einen Tresen gedrängt, geschlagen und anal vergewaltigt haben. Dann soll er versucht haben, sie auch vaginal zu vergewaltigen, dabei sei es ihr gelungen sich zu befreien und zu flüchten. Dass er stets seine Unschuld beteuerte, nutzte ihm nichts. Seine Version, er habe sie zur Rede gestellt, weil er sie dabei ertappte, wie sie in seinen Unterlagen blätterte, glaubte das Landgericht Darmstadt damals nicht.

Und das, obwohl sie ihn erst Tage später anzeigte. Die Tat soll sich in einer großen Pause abgespielt haben, bei offenen Fenstern. Anschließend hat sie ganz normal Unterricht gehalten. Thema: „Das lyrische Ich“. Später wird sie erzählen, dass sie nur knapp mit dem Leben davongekommen sei.

Als die Polizei mit einem Haftbefehl bei ihm vorbeikam, glaubte er an einen Irrtum, der sich auflösen werde, sagt er. Stattdessen begann ein Alptraum, in dessen Verlauf Horst Arnold mehrere Gefängnisse kennenlernte und eigenen Aussagen zufolge „zwangspsychatrisiert“ wurde.

Dabei hätte er es einfacher haben können. Einen Gruß vom Richter lasse er ausrichten, sagte ihm der Gerichtsgutachter am Beginn der Verhandlung, wenn er gestehen würde, käme er auf Bewährung frei. Doch er blieb stur. Fünf Jahre waren das Ergebnis. Abgesessen bis auf den letzten Tag. Denn nur weil er sich auch im Gefängnis noch weigerte, die Tat einzuräumen, verweigerte man ihm die vorzeitige Entlassung. Als er das Gefängnis verließ lag seine Existenz in Trümmern. Heute lebt Arnold im Saarland. Er ist Hartz-IV-Empfänger und trockener Alkoholiker, sein Haus musste er verkaufen. Egal wieviele Bewerbungen er schrieb – immer scheiterte es am wunden Punkt „Vergewaltigung“.

 eine pathologische Lügnerin mit Charisma

Sie muss außergewöhnliche charismatische Fähigkeiten besitzen. Bis heute schafft sie es Menschen für sich einzunehmen. Aber wer Heidi K. länger kannte, merkte fast immer, dass ihre Geschichten nicht stimmen konnten, zu unglaublich war, was sie erzählte.

An vielen ihrer Wirkungsstätten, Schulen in NRW und Hessen, hinterließ sie Chaos, brachte ein ganzes Lehrerkollegium gegen sich auf.

Ins Rollen kam die Sache durch die Schwester des heutigen Anwalts von Horst Arnold. Als Frauenbeauftragte für Lehrer im Odenwald kannte sie Heidi K., betreute sie auch während des Prozesses gegen den mutmaßlichen Vergewaltiger. Dabei bekam sie vom Prozess wenig mit, denn Heidi K. flüchtete, in Tränen aufgelöst immer wieder aus dem Gerichtssaal, sie hinterher, tröstete das vermeintliche Opfer. Mit dem Urteil war sie damals zufrieden, obwohl sie es als hart empfand.

Erst später fiel ihr auf dass sie Heidi K. einen Tag nach der vorgeblichen Tat auf einem Frauen-Stammtisch gesehen hatte – von schlechter Stimmung war da bei ihr nichts zu bemerken.

Als Frauenbeauftragte hatte sie immer wieder mit Heidi K. zu tun. Als sie später immer mehr Geschichten von ihr erfuhr, die einfach nicht stimmen konnten, plagte sie die Vorstellung dass auf Grund ihrer Vorwürfe ein Mann fünf Jahre im Gefängnis saß.

Schließlich wandte sie sich an ihren Bruder, einen Berliner Anwalt für Zivilsachen. Der reagierte zuerst skeptisch. Dann vertiefte er sich jedoch in den Fall und fand immer mehr Ungereimtheiten. Nach langen Recherchen reichte er 2008 einen Wiederaufnahmeantrag ein und schaffte 2010 das fast Unmögliche: die Wiederaufnahme des Verfahrens wurde zugelassen.

Eine der Geschichten die Heidi K. erzählte, war die eines Lebensgefährten, der bei der Kripo gearbeitet habe. Er soll in einer sehr geheimen Mission einen Terroristensitz in Wiesbaden ausgehoben haben, wobei er einen Kopfschuss erlitten habe und seitdem im Koma läge. Nachdem sich Heidi K. mit logopädischen Übungen um ihn gekümmert habe, habe er wieder Sprechen und Laufen gelernt. Irgendwann erzählte Heidi K. auf Nachfrage dass ‘Manfred’ gestorben sei. Diese Geschichte gab die Frauenbeauftragte im Zeugenstand am Landgericht Kassel wieder. Besonders erstaunt war sie über die Gelassenheit Heidi K.’s. „Sie sagte dies, als hätte sie ihre Handtasche verloren“. Anderen erzählte sie auch von einem gemeinsamen Skiurlaub mit dem nun offenbar plötzlich Genesenen und gar von Heiratsplänen ihn betreffend.

Von dieser Räuberpistole ließ sich nichts nachweisen. Polizist Manfred war ein lockerer Bekannter von Heidi K. aus einer Skifreizeit und quicklebendig.

Eine andere Sache war die ‘Gift-Affäre’: Mittlerweile hatte Heidi K. es zur kommissarischen Schulleiterin an einer anderen Schule im Odenwald gebracht. Hier erhob sie gemeinsam mit einer vertrauten Kollegin den Vorwurf beide seien ‘vergiftet’ worden. Ohne eine konkrete Tatschilderung schaffte sie es, dieses Gerücht am Kochen zu halten. Von Keksen, Arsen, Tee, Kuchen und Thallium war zu hören. Den Personalratschef der Schule erreichte das Gerücht mit dem Vorwurf, er solle Täter sein, was ihn so aus der Bahn schlug, dass er sich krankschreiben ließ. Einer Kollegin erzählte sie bei einem zufälligen Treffen, ihr seien infolge ihrer Vergiftung alle Haare ausgefallen. Diese Kollegin gab zu Protokoll, dass K. schulterlange Haare hatte. Offenbar hatte niemand einen Haarausfall beobachtet. Die Kollegin gab an, sie habe diese Geschichten schon gar nicht mehr ernst genommen.

Letztlich stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen in der Giftsache ein. K. erzählte trotzdem, es gäbe einen Prozess.

Als Konrektorin schaffte K. es aber auch ein Lehrerkollegium komplett gegen sich aufzubringen. Mit einem strengen PC-gestützten Stundenmanagement verprellte sie engagierte Lehrer einer betont pädagogisch ausgerichteten Schule. Im Sekretariat verschanzte sie sich hinter Bildschirmen und ließ einen Türgriff abschrauben, damit keiner mehr an ihr vorbeikam. Um Forderungen durchzusetzen, soll sie sich häufig auf Erlasse berufen haben die gar nicht existierten. Eine Dienstbeschwerde, die sie gegen den Schulleiter einreichte, konnte letztlich in fast allen Punkten entkräftet werden.

Hartmut Lierow, der Anwalt von Horst Arnold hat bei seinen Recherchen eine Fülle von weiteren unwahren Geschichten aus dem Leben von K. zusammengetragen. Demnach könnte man Heidi K. leicht als eine Baronin von Münchhausen bezeichnen, so unglaublich wie viele ihrer Geschichten waren.
Zu ihrer beruflichen Biografie gehörten vielfach hohe Fehlzeiten, auffallend oft um Wochenenden. Fachlich soll sie immerhin kompetent gewesen sein.

 Hypochondrie, Ehrgeiz, Gier – Heidi K. log sich durch ihr Leben

Hypochondrie kam dazu: ihrem zweiten Ehemann erzählte sie einmal, sie hätte nur noch 6 Jahre zu leben. Dass Heidi K. es trotz allem beruflich so weit gebracht hat, ist ihrem Ehrgeiz zuzuschreiben. Ob die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Horst Arnold dazu dienen sollten seinen Posten als Fachbereichsleiter zu übernehmen, bleibt unklar. Sicher ist aber, dass Heidi K. später lukrative Stellen gefordert hat mit Hinweis auf ihre erlittene Vergewaltigung, quasi als Entschädigung. Auch die angebliche Vergiftung musste dafür herhalten. Materielle Ansprüche waren Heidi K. auch nicht fremd. Zeugenaussagen zufolge pflegte sie einen gehobenen Lebensstil. Designermöbel und schicke Kleider waren ein Muss.

Es war auch nicht das erste Mal, dass Heidi K. anderen sexuelle Übergriffe anhängen wollte. Bereits von ihrem ersten Ehemann soll sie vergewaltigt worden sein. An einer anderen Schule soll sie behauptet haben, ein Lehrer sei in die Mädchendusche gegangen, was nachweislich falsch war. Auch pädophile Lehrer will sie ausgemacht haben, so soll der mit Kopfschuss verwundete Polizist angeblich auch gegen einen Pädophilenring verdeckt ermittelt haben.
Heidi K. hat nachweislich einen Sohn, eine Tochter kam offenbar nur in ihrer Fantasie hinzu.

Als Horst Arnold 2002 von einer Kammer des Landgerichts Darmstadt verurteilt wurde, war von Heidi K.’s blühender Fantasie scheinbar wenig bekannt. Man glaubte ihr. Hübsch, eloquent, offenherzig – so wirkte sie auf nicht wenige Menschen. Bei Gericht weinte sie heftig.

Horst A. war damals Alkoholiker. Er musste sogar zugeben einmal handgreiflich geworden zu sein gegen eine Lebensgefährtin. Unberechenbar soll er gewesen sein, weil oft aufbrausend. Am Vorabend der angeblichen Tat hatte er 2 Flaschen Wein konsumiert. All dies schien sich zu fügen. In beider Aussagen gab es durchaus Widersprüche. So habe sie sich nach dem Geschehen einmal zuerst auf die Toilette geflüchtet, dann sich draußen in Büschen vor ihm versteckt. Hierbei habe sie sich übergeben. Spuren dazu wurden nicht gefunden. Dabei hat die Polizei scheinbar durchaus gründlich ermittelt. So konnte sich das Gericht in Kassel noch jetzt ein Video anschauen von einer kommentierten Ortsbegehung. Für den Fall wurde sogar eine Sonderkommission gebildet. Sie hat ihre Kleidung nach der Tat weggeworfen oder gewaschen. Eine verständliche Reaktion der Scham, wenn man vergewaltigt wird. Aber sie als Biologielehrerin hätte wissen müssen, dass sie Spuren vernichtet. Seine Kleidung wurde beschlagnahmt. Als Arnold dann irgendwann später nachfragte, hieß es platt, man habe sie vernichtet.

Bei einer routinemäßigen Untersuchung von Heidi K. zwei Tage nach der fraglichen Tat fiel nichts auf. Bei einer späteren Untersuchung wurden Verletzungen festgestellt. Dazu eine Analfissur. Diese passte laut untersuchender Ärztin gut zur Aussage von K.

Tage später zeigte K. Arnold erneut an. Er hätte sie auf dem Marktplatz in Michelstadt bedroht. Sie sei geflüchtet. Ihre Eltern waren dabei, identifizierten Arnold später sogar unter jeweils 10 Bildern die man ihnen vorlegte.

Nur saß er da schon in Untersuchungshaft. Man erklärte sich dies als posttraumatische Belastungsstörung.

Damals wurde er verurteilt. Jetzt wurde Horst Arnold am Landgericht Kassel freigesprochen. Sogar der Staatsanwalt plädierte auf Freispruch. Die Anwältin des angeblichen Opfers forderte dagegen die Beibehaltung des ursprünglichen Urteils des Darmstädter Landgerichts aus dem Jahr 2002. Ihrer Argumentation zufolge sind alle Lügengeschichten Folge des bei der Vergewaltigung entstandenen Traumas. Hierzu wollte sie auch einen Gutachter laden lassen, der dies bestätige. Tatsächlich lassen sich chronische Lügen der Nebenklägerin bis weit vor der angeblichen Vergewaltigung nachweisen. So hatte sie einmal eine Klassenfahrt damit abgesagt in der Jugendherberge sei ein Wasserschaden vorgefallen. Der Herberge gegenüber behauptete sie an der Schule sei Meningitis ausgebrochen. Hierbei fälschte sie auch den Briefkopf der Schule. Eine Freundin des Bruders von Heidi K. soll einmal über sie gesagt haben: „Die lügt sich durch ihr Leben“.

Verteidiger Lierow meinte zu Beginn seines Plädoyers zwar, dass Richter auch Menschen sind, die vor Irrtümern nicht geschützt sind. Aber das Landgericht Darmstadt hätte damals auf dem Weg zum Urteil „rote Ampeln“ überfahren. Ganze 16 solcher roter Ampeln zählte er auf, eklatante Widersprüche im Aussageverhalten der Zeugin Heidi K., darunter auch schon damals erwiesene Lügen.

Das Gericht begründete den folgenden Freispruch dann auch gar nicht überwiegend mit den Erkenntnissen die man nun über die Nebenklägerin als Hauptbelastungszeugin gewonnen hat. Der Vorsitzende Richter Jürgen Dreyer zerpflückte das damalige Urteil fast so systematisch wie die Verteidigung. Ob andere Gerichte damals unbedingt anders geurteilt hätten, darf bei nüchterner Sicht dahingestellt bleiben. Für den nun Freigesprochenen muss es eine Genugtuung gewesen sein. Der wichtigste Satz im Urteil lautete allerdings „Wir sehen den Angeklagten als nachweislich unschuldig an“. Ohne Frage seien 10 Jahre seines Lebens verpfuscht. Das Gericht wünschte ihm für sein weiteres Leben zuletzt alles Gute.

Horst Arnold erklärte anschließend vor Pressevertretern sein Leben werde sich nicht sofort, aber demnächst rundherum ändern. Man konnte ihm anmerken wie sehr er sich an die neue Situation gewöhnen muss.

Ohne seinen Anwalt, so sagt er immer wieder, wäre er bis an sein Lebensende ein Vergewaltiger gewesen. In der Tat hat Hartmut Lierow jahrelang für seinen Mandanten gekämpft. Einen solchen Verteidiger findet man selten.

  Anwältin von Heidi K. legt Revision ein

Heidi K. war nur am ersten Prozesstag erschienen. Sie verweigerte ihre Aussage mit Hinweis auf das laufende Ermittlungsverfahren, welches die Staatsanwaltschaft Darmstadt in Händen hält. Lierow hatte dort Anzeige wegen Freiheitsberaubung erstattet.
Mittlerweile hat die Anwältin von Heidi K. Revision eingelegt. Dies verzögert die formale Rehabilitation von Arnold genauso wie mögliche materielle Entschädigungen. Man vermutet, dass sich Heidi K. mit diesem Schritt in die Verjährung retten könnte.
Lierow reagierte darauf mit Unverständnis: „Heidi K. ist für das jahrelange Martyrium meines Mandanten verantwortlich. Jetzt schneidet sie ihm weiterhin den Weg in die berufliche und soziale Rehabilitation ab.“ Er droht nun seinerseits mit zivilrechtlichen Schritten gegen Heidi K.

Horst Arnold(li.) und sein Verteidiger Hartmut Lierow

(itu)

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Quellen

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