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November 14, 2005

Journalisten treffen sich auf dem Hamburger jonet-Tag

Journalisten treffen sich auf dem Hamburger jonet-Tag

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Artikelstatus: Fertig 13:59, 14. Nov. 2005 (CET)
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Noch ist es leer: Über 400 Journalisten trafen sich in der Handelskammer in Hamburg. Im Albert-Schäfer-Saal (Foto) fand die Einleitungsveranstaltung statt, weitere Räume wurden anschließend für Workshops genutzt.

Hamburg (Deutschland), 14.11.2005 – „Bitte bestehen Sie im Interesse aller nicht in jedem Workshop auf einem Sitzplatz.“ Die Warnung auf der Website zum Kongress war angebracht. Rund 400 Journalisten und Experten trafen sich am Samstag in der Handelskammer in Hamburg auf dem zweiten „jonet-Tag“. Immerhin habe man zum ersten Mal einige Sponsoren gefunden. Ihre Namensschilder mussten die Teilnehmer trotzdem vor der Abreise zwecks Recycling am Empfang zurück geben.

Historisch hat sich der Journalisten-Kongress aus dem bereits 1994 gegründeten Journalisten-Netzwerk jonet entwickelt. Um nichts weniger als die Zukunft des Journalismus sollte es diesmal gehen. Vor den Prognosen kamen Definitionsversuche: „Was, bitte, war noch gleich Journalismus?“ Das war die zentrale Frage der Einleitungsdiskussion. In der „Elefantenrunde“ trafen die Vertreter neuer, nicht mehr ganz neuer und alter Medien aufeinander.

Elefantenrunde

Die Blogosphäre wurde von Johnny Haeusler repräsentiert. Haeusler ist Autor des Spreeblick-Blogs und Gründer des gleichnamigen „Weblog-Verlags“. Durch seinen im Dezember 2004 veröffentlichten „Jamba-Kurs“ brachte Haeusler das Thema „Klingelton-Abzocke“ in die deutschen Medien und wurde über Nacht zum Blogger-Star. Vor den versammelten Journalisten provozierte Haeusler mit dem Statement: „Ich halte das, was viele Blogger machen, für den klassischeren Journalismus als das, was viele Journalisten machen.“ Das liege nicht zuletzt an ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit, „da man einfach kein Geld verdient.“

Auf das Lachen des Publikums erwiderte Haeusler, wenn man ohnehin für einen kleinen Artikel nur 20 oder 40 Euro erhielte, könne man auch auf diesen Rest in vielen Fällen verzichten. Der Blogger sei einfach näher am Leser dran. Mit seinem Blog-Verlag mache er zielgruppennahe Werbung für Bands, die zwar klar als solche gekennzeichnet sei, aber nicht von den Blog-Inhalten ablenke. Im Kontrast dazu verurteilte Haeusler die Generierung von „Page Impressions“, also Seitenabrufen, die von eher traditionellen Online-Medien betrieben werde, um mehr Werbebanner schalten zu können. So solle man sich bei vielen Online-Zeitungen mühsam von einer Seite auf die nächste klicken. Auch „Spiegel Online“ praktiziere dies etwa mit seinen Fotostrecken.

Dies stellte Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur von „Spiegel Online“, sogleich richtig: Die Fotostrecken seien werbefrei. Fotos und Animationen sieht Müller von Blumencron als großen Vorteil gegenüber reinen Bleiwüsten: „Bilder erzählen Geschichten, wer das ignoriert, kann nicht bestehen.“ Die Verteilung auf mehrere Seiten diene dabei vor allem der Reduzierung von Kosten. Müller von Blumencron wehrte sich gegen eine Spaltung der Medienwelt. Gelächter löste seine Feststellung aus: “Wir machen ein Blog, das heisst „Spiegel Online“.”

Nicht ohne inneren Widerspruch verurteilte der „Spiegel“-Mann dann aber gleich die Blogger als unprofessionelle Hobbyisten, die von den Qualitätsregeln der Recherche oft nichts wüssten und geringe Hemmschwellten hätten, PR-Inhalte mit persönlichen Einträgen zu vermischen. Seine Schlussfolgerung: „Wenn klassische Medien nach den Regeln Journalismus machen könnten, wie es in den Blogs geschieht, sähe es in diesem Land düster aus.“

Eröffnungspanel, unter anderem mit Jochen Wegner, Mathias Müller von Blumencron, Manfred Bissinger und Christoph Drösser

Mediendemokratisierung

Annette Milz, Chefredakteurin des MediumMagazin, sieht in Blogs weit mehr als nur einen vorübergehenden Trend. Die „Tatsache, dass sich jeder einmischen kann“, sei wichtiger als die konkreten Inhalte.

Eine echte Mediendemokratisierung bestritt dagegen Bernd Kliebhan, ein Pionier des Videojournalsimus. Zwar könnten dank moderner DV-Technik Journalisten im Alleingang Reportagen durchführen, filmen und schneiden. Dies bringe den Journalismus näher an seine Themen heran und erfülle eher dessen Definition: „Unter Journalismus verstehen wir, dass ein unabhängiger Mensch, neugierig und mit wachem Geist, die Welt beobachtet, beschreibt und analysiert.“

Doch ganz so einfach, wie manche sich es vorstellten, sei es auch mit moderner Technik nicht, eine Video-Reportage zu produzieren. Außerdem sei es entscheidend, dass die Inhalte am Ende von Redaktionen akzeptiert würden.

Manfred Bissinger, Geschäftsführer von „Hoffmann und Campe Corporate Publishing“ und ein Veteran des Journalismus, sieht die Medienlandschaft heute als in vielerlei Hinsicht weniger offen an als in vergangenen Jahrzehnten. Der Blogger Henry Steinau zitiert ihn mit den Worten: „Journalistisch getriebene Neugründungen als gedruckte Publikation wird es nicht mehr geben. Das ist vorbei. Es wird wunderbare kleine Blätter geben, aber das sind im Grunde genommen Mitteilungsblätter für eine überschaubare Gemeinde. Doch daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln, das halte ich für ausgeschlossen, das ist vorbei.“

Einflussreiche neue Medien könne man allenfalls noch im Schutz eines „Flugzeugträgers“ gründen, also als Ableger eines existierenden großen Mediums. Das gelte etwa für die neue wissenschaftliche Zweimonats-Zeitschrift „ZeitWissen“, die ein Ableger der „Zeit“ ist. Darin stimmte ihm Christoph Drösser, Chefredakteur von „ZeitWissen“, grundsätzlich zu.

Meinung und Recherche

Bissinger beklagte auch das Ende des Meinungsjournalismus. Während früher große Figuren wie Rudolf Augstein und Marion Gräfin Dönhoff miteinander um die Zukunft der Republik stritten, seien heute alle Medien auf den gleichen „neoliberalen“ Kurs eingeschworen, es sei „alles die gleiche Soße“, eine Feststellung, für die Bissinger vereinzelten Beifall erntete. Dabei sie die Meinung „die Königsdisziplin des Journalismus“.

Auch Annette Milz bezeichnete ein Mehr an Meinung als „extrem wichtig“. Darüber hinaus wünscht sie sich mehr O-Töne und sieht den idealen Journalist als „Brückenschläger“. Klaus Liedtke, Chefredakteur des „National Geographic“, konterte, die Grundform des Journalismus sei der Versuch einer objektiven Beschreibung der Welt. „Wenn man das abschaffen wollte und sagen würde, dass das Heil des Journalismus nur in der Meinung liegt, hielte ich das für eine Verengung der Aufgaben des Journalismus.“

Mathias Müller von Blumencron betonte ebenfalls, ein reiner Meinungsjournalismus reiche nicht aus. „Meinung wollen sie alle schreiben, am liebsten gleich sofort. Aber Hintergründe recherchieren, das tut kaum jemand.“ Im Publikum kam es an dieser Stelle zu lautstarkem Widerspruch. Die Frage, wer denn für investigativen Journalismus zahle, wurde mehrfach gestellt, fiel aber unter den Tisch.

Christoph Drösser glaubt nicht, dass früher alles besser gewesen sei. Die Wissenschaft habe gezeigt, dass Erinnerungen verfälscht und verklärt würden. Beim Blättern in den Archiven der „Zeit“ sehe er immer wieder, wie sich der qualitative Standard der Wochenzeitung in den letzten Jahren erhöht habe.

Johnny Haeusler stellte fest, dass auch für Blogger ein authentischer Meinungsjournalismus nicht immer ungefährlich sei. Als Webdesigner habe er zwei große Kunden durch das Bloggen verloren. Der Tenor sei gewesen, er könne zwar eine Meinung haben, „Du musst sie aber nicht öffentlich äußern“. Die klassischen Medien seien vor allem durch als Artikel maskierte Werbung in ihrer Integrität bedroht. So sei etwa das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ „reine Werbung“. Außerdem schaften es Unternehmen wie Lufthansa, Aldi und Lidl immer wieder, erfolgreich Druck auszuüben, um Inhalte in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Für die alten Medien zog Bernd Kliebhan den pessimistischen Schluss: „Wir werden die dominierende Rolle der Buchhalter im Journalismus nicht wieder rückgängig machen.“

Workshops

Der Einleitungsrunde folgten verschiedene parallel laufende Workshops. Dabei bestanden diese in aller Regel ebenfalls aus Diskussions-Panels mit Experten, die Fragen aus dem Publikum beantworteten. Über den Workshop zum Thema „Mikromedien“ gibt es einen eigenen Artikel in Wikinews: Hamburg: „Mikromedien“-Workshop – Journalisten diskutieren über Blogs, Wikis und Podcasting.

Weblinks

Quellen

Originäre Berichterstattung
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Hamburg: „Mikromedien“-Workshop – Journalisten diskutieren über Blogs, Wikis und Podcasting

Hamburg: „Mikromedien“-Workshop – Journalisten diskutieren über Blogs, Wikis und Podcasting

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Artikelstatus: Fertig 14. Nov. 2005 (CET)
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Thomas Wanhoff, im Workshop zum Thema Wissenschaftsjournalismus, Gründer des deutschen „Podcastverbands“, sieht im Podcasting die Zukunft der Audio-Medien.

Hamburg (Deutschland), 14.11.2005 – Im Workshop „Mikromedien: Meinen Journalismus mache ich mir selbst“, wurden die Diskussionen aus der „Elefantenrunde“ des Hamburger jonet-Tags (Wikinews berichtete) über Blogs und neue Formen des Journalismus fortgesetzt. Als Vertreter der traditionelleren Online-Medien argumentierte Julius Endert, Redaktionsleiter von „Handelsblatt online“, Blogger müssten für Tatsachenbehauptungen einstehen. Für die Blogs sprang erneut Johnny Haeusler in die Bresche, diesmal mit Unterstützung durch Thomas Wanhoff, erster Vorsitzender des neu gegründeten Podcasting-Verbandes. Beide argumentierten, Blogs hätten dank der Kommentarfunktion und der Reaktion aus anderen Blogs bei falscher Berichterstattung sogar ein schnelleres und effektiveres Feedback als klassische Medien. Johnny Haeusler argumentierte, es sei darüber hinaus zum Beispiel unglaublich schwer, bei der „Bild“-Zeitung eine Gegendarstellung abzudrucken.

Erik Möller, Hauptinitiator des Wikinews-Projekts und Autor des Buches “Die heimliche Medienrevolution”, forderte, dass Blogger sich nicht durch den Verweis auf die Korrektur durch den Leser aus der Verantwortung ziehen sollten: „An der Bild-Zeitung sollten sich Blogger nicht unbedingt messen.“ Außerdem sei es dem Blogger dank seiner technischen Kontrolle möglich, kritische Leserkommentare zu löschen, was mitunter auch geschehe. Er bemängelte das Fehlen von echtem investigativem Journalismus in Blogs.

Moderator Mario Sixtus erwiderte, er habe in dieser Hinsicht auch im Wikinews-Projekt nur wenig gesehen. „Das war aber von Anfang an eines unserer Ziele“, erwiderte Möller. In der englischen Ausgabe gebe es mittlerweile häufig mehrere Artikel mit Originalberichterstattung pro Woche, und auch in der deutschen Ausgabe seien bereits einige schöne Beispiele von lokalem „Bürgerjournalismus“ zu finden.

Möller fragte, wie viele Teilnehmer mit Wikis vertraut seien, wobei zahlreiche Hände in die Höhe schossen. Er erklärte das Wiki-Prinzip nur kurz und zählte als Vorteile von Wikinews die Quellenzitate, die Neutralitätspflicht und die freie Lizenzierung auf. Da Artikel frei „für jeden Zweck“ nutzbar seien, bilde Wikinews auch in vielen Jahren noch ein nützliches Archiv, während traditionelle Medien diese Archive oft nur kostenpflichtig zugänglich machten.

Thomas Wanhoff stellte die provokante Frage, ob bei Wikinews nicht viele Artikel „von Agenturen geklaut“ würden. Möller argumentierte, die in einer Nachricht enthaltene Information sei nicht urheberrechtlich schützbar. Außerdem wehrte er sich prinzipiell gegen den Begriff des „Diebstahls“ im Kontext des Urheberrechts, konnte aber eine diesbezügliche Grundsatzdebatte gerade noch abwenden.

Janko Röttgers, in Los Angeles lebender Journalist und Autor („Netzpiraten“), ergänzte, dass das Abschreiben und Umformulieren von Meldungen im traditionellen Journalismus gang und gäbe sei. So würden 90 Prozent der Nachrichten im deutschen IT-Journalismus schlicht der US-Presse entnommen und eine Woche später veröffentlicht.

Thomas Wanhoff bekräftigte die Rolle des Podcasting als Technologie, die alten Medien gefährlich werden könne. So sei es für Wissenschaftsredakteure ärgerlich, dass er mit geringem Aufwand Sendungen ähnlicher Qualität produzieren könne. Im Podcastverband, der von den Teilnehmern mit gewisser Skepsis diskutiert wurde, sieht Wanhoff vor allem die Möglichkeit der besseren Vernetzung. Doch das Medium sei noch sehr jung, und bisher könne man sich kaum mehr als 20.000 Zuhörer erhoffen (Podcast der Tagesschau), so dass etwa Werbung und Sponsoring nur eine untergeordnete Rolle spielten.

Janko Röttgers erhofft sich mehr bidirektionale Nutzungen des Mediums. So gebe es bereits erste Experimente der BBC zur Annotierung von Audio-Daten. Johnny Haeusler möchte seine Spreeblick-Podcasts demnächst per Telefon kommentierbar machen.

Auch der Einsatz von Blogs durch klassische Medien wurde diskutiert. Hier erhofft sich Röttgers mehr Experimente, etwa die Dokumentation einer kommenden Geschichte mit Teasern im Blog.

Aus dem Publikum kam die Frage, wie wichtig RSS als Technik für Blogger sei, und ob etwa die Integration von RSS in Windows Vista der Blogosphäre zu einem weiteren Boom verhelfen könne. Johnny Haeusler meinte dazu, er wolle von der Technik hinter Blogs nichts merken. Wenn alles nach dem iTunes-Prinzip mit wenigen Knöpfen bedienbar sei, werde es akzeptiert, diese Technologie müsse noch entwickelt werden. Erik Möller ergänzte, dass viele Suchmaschinen und Web-Browser bereits RSS in komfortabler Form integrieren, die dem Benutzer wenig Technikverständnis abverlangt.

Weblinks

Quellen

Originäre Berichterstattung
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