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August 6, 2008

Wikipedia: Balver Höhle

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Balver Höhle
Die Balver Höhle - handkoloriert vor 1900

Die Balver Höhle – handkoloriert vor 1900

Lage: Deutschland
Geographische Lage 51° 20′ 21″ N, 7° 52′ 19″ O7Koordinaten: 51° 20′ 21″ N, 7° 52′ 19″ O
Balver Höhle (Nordrhein-Westfalen)

DEC

Balver Höhle
Typ: “Kulturhöhle”
Entdeckung: 1690 erstmals erwähnt
Beleuchtung: elektrisch
Gesamtlänge: 138 Meterdep1
Länge des Schau-
höhlenbereiches:
138 Meterdep1
Besonderheiten: kulturelle Veranstaltungen
Balver Höhle Eingangsbereich

Balver Höhle Eingangsbereich

Die Balver Höhle ist eine im Hönnetal in Balve gelegene Karsthöhle, die für kulturelle Veranstaltungen genutzt wird. Sie ist die größte offene Hallenhöhle in Europa mit einer Länge von 75 Metern und einem 11 Meter hohen und 18 Meter breiten Eingangsportal. Aufgrund des umfangreichen archäologischen Fundmaterials und der Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen ist die Höhle einer der wichtigsten Fundplätze der Mittleren Altsteinzeit in Europa (daher die Bezeichnung „Kulturhöhle“). Der Name der Stadt Balve deckt sich (nach Heimatforschern) etymologisch mit dem in der legendären Thidrekssaga überlieferten Wohnort der Zwerge (Ballofa), die Wieland das Schmiedehandwerk lehrten.

Inhaltsverzeichnis

Bearbeiten Beschreibung

Die Höhle besteht aus einer großen tunnelförmigen Halle mit zwei sich davon abzweigenden Nebenarmen. Sie tragen den Namen des Geologen Ernst Heinrich von Dechen sowie des Anatomen und Naturforschers Rudolf Virchow. Einer dieser Nebenarme hat zwei Seitengänge, die an die Oberfläche führen. Die Höhle führt in ihrem jetzigen Zustand bis auf eine Länge von 70 Metern in den Felsen hinein, an der höchsten Stelle hat sie eine Höhe von zwölf Metern und ist bis zu 18 Metern breit.

In den Höhlenablagerungen wurden auch früh- und hochmittelalterliche Keramikscherben entdeckt. Die Höhle muss zu dieser Zeit folglich bereits bekannt gewesen sein. 1690 wurde sie erstmals urkundlich erwähnt. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts versperrten noch rund 15 Meter hohe Sedimente, die fast bis zur Höhlendecke reichten, das Portal. Der Zugang in das Gewölbe und zu den hinteren Nebenarmen war demnach beschwerlich. Diese Sedimente wurden im 19. Jahrhundert durch Balver Landwirte, die ihre besondere Eignung für Düngezwecke erkannt hatten, nahezu vollständig ausgeräumt und auf den umliegenden Feldern verteilt. Viele wertvolle archäologische Relikte wurden deshalb später offen auf den Feldern liegend gefunden.

Bearbeiten Entstehung

Die Höhle liegt im Massenkalk des Oberen Mitteldevons. Sie entstand durch Karstverwitterung während der Kreidezeit und dem Tertiär.

Schlüssige Erklärungen zur Entstehung des außergewöhnlichen Tonnengewölbes fehlen bislang. Vermutet wird, dass im Verlauf der letzten Eiszeit (Pleistozän) große Bereiche durch Frostsprengung aus der Decke gelöst wurden.

Andere Theorien besagen, dass durch zwei Nebenarme der Höhle, sogenannte Einstrudelungskanäle, periodisch Jahrtausende lang Oberflächenwasser von umliegenden Höhen und Hochebenen in das Höhleninnere strömte. Lockergestein sei dabei durch das Wasser gelöst und zerrieben und die Seitenwände hierdurch abgeschmirgelt worden. Gleichzeitig sei es zur Abschwemmung von Erosionsschutt gekommen. Schmirgel- und Schrammspuren seien noch heute an den Höhlenwänden zu erkennen.

Möglicherweise entstand das Tonnengewölbe durch die Einwirkung von Wasser und Erosion bis zum Beginn der Weichsel-Eiszeit. Es füllte sich in der Folgezeit mit Sediment, vor allem Höhlenlehm auf. In der Höhle entstanden über den Sedimenten mehrere Sinterschichten, die sich noch heute an den Höhlenwänden abzeichnen.

Bearbeiten Erforschung

Im linken Nebenarm wurden 1870 durch Rudolf Virchow, im rechten mit zwei Seitengängen 1871 durch Heinrich von Dechen Grabungen durchgeführt. Weitere größere Ausgrabungen fanden in den 1920er Jahren durch den Geologen Prof. Dr. Julius Andree und 1938 durch den Lehrer Bernhard Bahnschulte statt. Alle diese Grabungen entsprechen nicht modernen wissenschaftlichen Standards der Archäologie; lediglich die Grabung von B. Bahnschulte lieferte Erkenntnisse, die noch heute nachprüfbar sind. [1]

In der 1950er Jahren untersuchte der Archäologe Dr. Klaus Günther die Höhle, um die Grabungsergebnisse aus dem Jahr 1938 zu überprüfen. Dies war die erste systematische wissenschaftliche Grabung. Seit 2002 werden durch das Westfälische Amt für Bodendenkmalpflege, Außenstelle Olpe (Dr. Michael Baales), wieder wissenschaftliche Sondagen und Grabungen in der Höhle durchgeführt. Diese Untersuchungen, die zum ersten Mal auch den bisher nicht untersuchten Vorplatz einbeziehen, versprechen für die Zukunft noch interessante Ergebnisse. Der Vorplatz der Höhle besteht aus aufgeschütteten Sedimenten, die von den Balvern im 19. Jahrhundert vielfach als Dünger auf den umliegenden Feldern verteilt wurden.

Die archäologischen Grabungen erbrachten zahllose Knochenreste eiszeitlicher Tiere, darunter vom Mammut, Wollnashorn und Rentier, sowie Tausende von Steinartefakten. Anhand der Grabungsbefunde ergeben sich wertvolle Rückschlüsse auf das Klima während der Eiszeit, der Lebensweise steinzeitlicher Menschen und ihre Ernährung.

Auch Skelettreste vom Menschen wurden in der Höhle entdeckt. Ein kleines Schädelfragment, das nachträglich in den unhorizontierten Funden entdeckt werden konnte, wurde 2003 durch C 14 auf ein Alter von 10.400 Jahre datiert. Zusammen mit den in Hagen im Jahre 2004 in der Blätterhöhle entdeckten Skelettresten aus dem frühen Mesolithikum, handelt es sich um den ältesten Nachweis von modernen Menschen in Westfalen.

Bearbeiten Archäologie

Zur Zeit des Neandertalers, in der Mittleren Altsteinzeit, diente die Höhle zum ersten Mal mobilen Jägergruppen als Lager. Wie intensiv die Höhle in der Weichsel-Eiszeit genutzt wurde, ergaben seit den 1920er Jahren mehrere archäologische Untersuchungen. Zu dieser Zeit waren weite Teile der Höhle bereits ausgeräumt und die sich darin befindlichen archäologische Funde enthaltenden Sedimente zerstört.

Durch tiefe Grabungsschnitte im Eingangsbereich der Höhle wurden vor allem im Jahre 1939 (Bernhard Bahnschulte) die Schichten von über sieben Wohnphasen aus der mittleren Altsteinzeit erschlossen. Sie setzten mit dem späten Acheuléen vor rund 100.000 Jahren ein und reichten über das entwickelte Micoquien von rund 75.000 Jahren bis zum Moustérien vor rund 40.000 Jahren.

In den Fundinventare aus dem älteren Abschnitt der Weichsel-Eiszeit lassen sich nach eingehenden wissenschaftlichen Untersuchungen bestimmte Techniken erkennen. Sie geben Hinweise auf Entwicklungsstufen und eine Besiedlung durch Menschengruppen, die unterschiedliche Techniken bei der Bearbeitung von Steinwerkzeugen benutzten. In den letzten Jahren konnten durch neuere Forschungen auch zahlreiche Werkzeuge aus Knochen und Mammutelfenbein in den alten Grabungsfunden festgestellt werden. Leider wurden die Knochenfunde bei der Grabung im Jahre 1939 nicht sorgfältig eingemessen, beschriftet und den jeweiligen Fundschichten zugeordnet.

Die oberen Fundschichten in der Höhle, die aus der Jüngeren Altsteinzeit über die Mittelsteinzeit bis zur vorrömischen Eisenzeit stammten, wurden bereits im 19. Jahrhundert zerstört; die fundhaltigen Sedimente gelangten als Dünger auf die umliegenden Felder.

In der Nachbarschaft zur Balver Höhle fand sich in der Volkringhausener Höhle im Hönnetal neben Steinwerkzeugen aus dem Mittelpaläolithikum auch ein kleines Inventar mit typischen Steinwerkzeugen aus dem frühen Jungpaläolithikum. Derartige Funde aus der Zeit vor dem Beginn des Hochglazial der Weichsel-Eiszeit vor 24.000 Jahren, weite Teile Nordwesteuropas waren für rund 10.000 Jahren für den Menschen nicht bewohnbar, sind in Westfalen selten. Im direkten Umfeld der Höhle befand sich auf einer Flussterrasse der Hönne ein mittelsteinzeitlicher Freilandfundplatz. Auch in der Balver Höhle wurden typische Steinwerkzeuge und auch das Teil eines menschlichen Schädeldaches aus dem frühenMesolithikum entdeckt.

Am Eingang des sich im mittleren und unteren Teil wie ein Canyon verengende Hönnetal in Balve gelegen, besaß die große Höhle anscheinend eine besondere Anziehungskraft auf die alt- und mittelsteinzeitlichen Jäger. Im Hönnetal sowie im benachbarten Lennetal befinden sich zahlreiche weitere steinzeitliche Fundplätze in Höhlen und Felsabris.

Besonders intensiv war in der Region auch die Nutzung von Höhlen in den vorrömischen Metallzeiten. Während der Eisenzeit kam es zu kultischen Handlungen, die unter anderem auch mit Begräbnisriten im Zusammenhang standen. Ob es dabei auch, wie in anderen Höhlen im Hönnetal vermutet, zu kannibalistischen Handlungen kam, wie im 19. Jahrhundert behauptet und bis heute von Heimatforschern spekuliert wird, ist nach dem gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Forschung nicht festzustellen.

Die zahlreichen Fundplätze belegen eine intensive Nutzung der sauerländischen Karstlandschaft zwischen Hagen und Balve während des Mittelpaläolithikums, in der jüngeren Altsteinzeit und im Mesolithikum. Auch im Neolithikum und in den vorrömischen Metallzeiten wurden die Höhlen genutzt. Diese Situation ist in Europa mit der Schwäbischen Alb und mit der Dordogne (Fluss) vergleichbar.

Bearbeiten Verbleib der Funde

Die archäologischen Funde aus der Balver Höhle wurden seit dem 19. Jahrhundert stark verstreut. Sie gelangten in mehrere Museen in Nordrhein-Westfalen sowie in einige Privatsammlungen. Funde aus der Balver Höhle finden sich unter anderem die Museen in Altena, Arnsberg, Bonn, Dortmund, Iserlohn und Menden. Das Fundmaterial aus dem früheren Heimatmuseum Balve, das zahlreiche Altfunde verwahrte, befindet sich heute in dem im Jahr 2006 eröffneten Museum für Vor- und Frühgeschichte in der Luisenhütte im Balver Ortsteil Wocklum.

Der Großteil des reichhaltigen und horizontierbaren Fundmaterials aus der Höhle wird allerdings im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne sowie im Museum für Ur- und Frühgeschichte im Wasserschloss Werdringen in Hagen verwahrt.

Dort sind die Funde in einem wissenschaftlich abgesicherten Zusammenhang eingeordnet und mit zahlreichen Informationen – im Wasserschloss Werdringen sogar mit Dermoplastiken eines Mammuts, Rentiers und Wollnashorns sowie im Westfälischen Museum für Archäologie in einer eindrucksvoll inszenierten Höhlensituation – präsentiert.

Ronja Räubertochter im Jahr 1993

Ronja Räubertochter im Jahr 1993

Männerchor 1874 Balve e.V. bei seinem 100-Jährigen in der Höhle

Männerchor 1874 Balve e.V. bei seinem 100-Jährigen in der Höhle

Bearbeiten Nutzung als Festhalle

Die Höhle wird wegen ihrer Atmosphäre seit dem Jahr 1922 gerne für Musik- und Theateraufführungen genutzt. So finden seit dem Jahr 1991 hier die Balver Märchenwochen statt, die von dem Verein Festspiele Balver Höhle veranstaltet werden.

Einmal jährlich findet hier traditionell das Balver Vogelschießen und Schützenfest statt. Nach der Räumung der Höhle durch Balver Landwirte im 19. Jahrhundert verlagerte sich das Schützenfest in die Höhle, die von den Balvern bis heute als wettersichere Festhalle genutzt wird.

Im Zweiten Weltkrieg richteten die Einbauten für einen Rüstungsbetrieb in dem bis dahin im wesentlichen naturbelassenen Höhleninneren viel Schaden an. Die Gothaer Waggonfabrik, die mit dem Bau von Flugzeugen (darunter auch Nurflügler) beschäftigt war, richtete 1944 in der Höhle einen bombensicheren Zulieferbetrieb ein. 1947 drohte deshalb die Sprengung der Höhle auf Veranlassung der britischen Militär-Regierung. Sie konnte mit Hinweis auf die hohe archäologische Bedeutung der Höhle buchstäblich in letzter Minute abgewendet werden. 1997 wurde mit Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen der Dechenarm konserviert und befestigt.

Die Stadt Balve hat die Balver Höhle an die Schützenbruderschaft St. Sebastian verpachtet. Sie verfügt über das Nutzungsrecht und organisiert die Vermietung.[2]

Außerhalb von Veranstaltungen ist die Balver Höhle nur nach Voranmeldung für Besuchergruppen zugänglich.

Die Höhle wurde im Rahmen der TV-Sendung MTV Unplugged im Jahre 2000 für ein Konzert der Fantastischen Vier genutzt.

Bearbeiten Siehe auch

  • Liste der Schauhöhlen in Deutschland

Bearbeiten Literatur

  • Günther, K. (1964) Die altsteinzeitlichen Funde der Balver Höhle. Bodenaltertümer Westfalen 8. Münster 1964.
  • Jöris, O. (1993) Das Mittelpaläolithikum der Balver Höhle. Stratigraphie und Formenkunde. In: Archäologie im Ruhrgebiet. 1.1991(1993), 65-84.
  • Jöris, O. (1992) Pradniktechnik im Micoquien der Balver Höhle. In: Archäologisches Korrespondenzblatt. 22.1992, 1-12.
  • Kindler, L./Jöris, O./Baales, M./Rüschoff-Thale, B. (2005) Die Balver Höhle. Alte Funde – Neue Ergebnisse. In: Von Anfang an. Archäologie in Nordrhein-Westfalen, hg. von Günter Horn, Hansgerd Hellenkepmer, Gabriele Isenberg und Jürgen Kunow. Schriften zur Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen 8. Köln 2005, 318-321.
  • Zygowski, D.W. (1988) Bibliographie zur Karst- und Höhlenkunde in Westfalen. – Münster.

Bearbeiten Weblinks

Commons

Commons: Balver Höhle – Bilder, Videos und Audiodateien

Bearbeiten Einzelnachweise

  1. Das in älterer Zeit entdeckte Fundgut dieser und auch anderer Höhlen in Westfalen kann über Zygowski (1988) erschlossen werden.
  2. Offizielle Internetpräsenz des Betreibers der Balver Höhle (Schützenbruderschaft St. Sebastian)
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